Heute habe ich mal wieder eine Diskussion über meine Hunde geführt

Wie gefährlich sind die denn jetzt eigentlich und warum genau tragen sie beide Maulkörbe? Wurden sie geschlagen? Haben sie ein psychisches Problem? Fressen sie einfach alles, was auf der Straße liegt? Die Antwort ist leider gar nicht so einfach, wie ich es mir manchmal gerne machen möchte. Ich bin stets bemüht meine Mitmenschen nicht in Angst und Schrecken zu versetzen. Andererseits verharmlose ich die beiden auch nicht.

Zunächst war es nur Ilva

Sie hatte immer direkt Sympathiepunkte, weil sie so cool aussieht. Wie ein Wolf. Da stört auch der Maulkorb nur wenig und alle wollen sie gerne mal streicheln. Das kann ich nachvollziehen und finde es vollkommen okay, wenn Menschen mich danach fragen. Allein das ‚gefragt werden‘ ist schon toll. Viele Leute machen einfach und das kann ich wirklich gar nicht ab. Nicht, weil ich mich übergangen fühle, sondern weil es gefährlich ist. Letztens erst hat Ilva ein Objekt des Hasses auf ihrem Radar entdeckt. Ihre Nackenhaare standen höher als der Michel und sie stolzierte los. So langsam begann sie zu knurren und ich wollte mich gerade zu Wort melden, als plötzlich ein Junge neben mir stand, der bereits die Hand nach ihr ausstreckte und währenddessen noch anmerkte, dass er sie jetzt mal streicheln würde. Ich war etwas schockiert. Das war einfach der schlechteste Moment, um diesen Hund anzufassen. Ilva ist zum Glück recht schmerzfrei und kann andere Individuen gut wegignorieren, wenn sie besseres zu tun hat. Trotzdem ist es für mich eine blöde Situation, denn ich bin für diesen Moment nicht mehr bei meinem Hund. Ein Freifahrtschein für sie, um sich so richtig schön in das Thema reinzusteigern. Doch was bleibt mir übrig, ich wollte den Jungen nicht anfauchen und ihm gerne erklären, wie er an dem Hund erkennen könnte, dass es gerade der falsche Moment für eine Streicheleinheit ist. Er wusste es ja scheinbar wirklich nicht besser.

Darum der Maulkorb!

Ilva trägt ihren Maulkorb nicht, weil sie Menschen doof findet, sondern weil sie nicht die verträglichste Kerze auf der Torte ist. Mit dem Maulkorb kann ich ihr trotzdem soziale Kontakte ermöglichen und unverletzt eingreifen, wenn es mal nicht so gut läuft. Das ist eigentlich eine einfache Erklärung, aber auch hier gibt es oft sehr viele Rückfragen. ‚Meiner mag auch keine anderen, aber einen Maulkorb braucht der nicht, das ist doch normal, gehen Sie mal in eine Hundeschule‘. Es gibt auch Hundehalter die den Maulkorb schamlos ausnutzen, wenn ich sie bitte ihre Hunde anzuleinen. ‚Ihrer hat doch einen Maulkorb, kann doch nichts passieren‘. Stimmt Kollege, aber dein Hund trägt eben keinen Maulkorb und zufällig esse ich Köter wie deinen zum Frühstück und wenn er nicht augenblicklich aufhört, um meinen herumzuschawenzeln, fliegt er zurück zu dir. Man! Das sage ich natürlich nicht, aber ich denke es ab und zu. Ich bitte ja niemanden ohne Grund, seinen Hund anzuleinen. Hunde die kurz schnüffeln, merken, dass die Idee schlecht ist und weiterlaufen, stören mich nicht. Alles andere nervt. Ich kann den Tag kaum erwarten, wenn ich aus der Großstadt ziehe und endlich weniger Begegnungen dieser Art habe, während ich meine täglichen Hunderunden irgendwo im Nirgendwo drehe.

Jetzt ist Buri da

Dobermann Buri

Der kann gut unangeleint durch die Gegend laufen. Er hört super, kommt mit Hunden aus und benimmt sich eben, wie junge Rüden sich so benehmen. Er ist nur ein bisschen größer, vollkupiert und rabenschwarz. Mit einem hübschen braunen Brand. Und er trägt einen Maulkorb. Ich weiß, dass Dobermänner aus Film und Fernsehen dafür bekannt sind, die bösen Wachhunde zu sein. Dieses Bild haben erst mal alle im Kopf. Er ist aber wirklich freundlich zu Hunden und wenn nicht, dann bin ich ja noch da. Nur weil er vielleicht in den Augen einiger Menschen nicht so nett aussieht, bedeutet das nicht, dass ich ihn auf der Hundewiese grundlos anleine.

Wenn ich den Menschen sage, dass er nett ist und sie sehen, wie freundlich er mit den anderen spielt, kommen weitere Fragen auf.

Warum trägt er denn dann einen Maulkorb?

Und jetzt kommt der Punkt, an dem ich echt nicht so genau weiß, was ich sagen soll. Ich würde den Menschen super gerne die Angst nehmen und eine Situation erzeugen, in der alle beruhigt ausatmen.

Doch das ist gar nicht so einfach, ohne zu lügen. Buri ist kein Monster, welches aus einem Film entsprang und jetzt die Hamburger Hundewiesen crashed, um Zerstörung oder Verwüstung zu hinterlassen. Er ist ein junger Rüde, der schon einige Vorbesitzer hatte und sein dunkles Knurren verhalf ihm wohl schon so manches Mal zum Erfolg. Auch seine strahlend weißen Zähne schinden Eindruck. Das hat er sich gemerkt. Er ist ja nicht doof. Jetzt muss er lernen, dass er damit bei mir zwar Eindruck schindet, ich ihn aber mag und gerne gemeinsam mit ihm daran arbeite. Auch wenn er das zunächst nicht so cool findet und selbstverständlich nicht widerstandslos aufgibt. Vor allem wenn er sich hochspult, wird er manchmal unangenehm. Und wenn ich möchte, dass er sich dann hinsetzt und sich beruhigt, ist das für ihn zunächst ein guter Grund für eine Diskussion. Das ist für ihn einschränkend und scheiße. Da werden 45 Kilo Dobermann zu einer sehr steifen, grummeligen Masse.

Damit meine eigene Masse unbeschadet aus der Nummer herauskommt, trägt er einen Maulkorb

Derselbe Hund kann trotzdem einen Moment später seinen Bollerkopf auf deinem Schoß ablegen und möchte einfach nur kuscheln. Menschen die keinerlei Erfahrungen mit Hunden ‚dieser Art‘ haben, können das nur selten verstehen. Eigentlich zeigt er ein relativ normales Verhalten. Er kam bisher gut durchs Leben und konnte so möglicherweise viele Dinge für sich klären. Er weiß ja nicht, dass er aus diesem Grund vielleicht immer wieder sein Zuhause verlassen musste. Ich habe keine Ahnung, was er bisher so erlebt hat und ich will es auch gar nicht wissen. Er ist jetzt bei mir.

Sowohl Ilva, als auch Buri, waren keine gänzlichen Überraschunspakete. Ich wusste worauf ich mich einlasse. Und vielleicht ist das genau der Punkt. Ich akzeptiere auch die weniger schönen Seiten. Ich habe keine unrealistischen Träume, in denen sie eines Tages ohne Maulkorb über die Wiesen hüpfen und die Unschuld vom Lande sind. Nicht jeder kann so nahe an der Perfektion sein, wie Cloé. Aber ich weiß, dass ich einen guten Umgang mit beiden finden kann und wir gewisse Verhaltensweisen abstellen oder zumindest reduzieren können. Zunächst muss ich an mir arbeiten, mich weiterbilden und immer wieder den Rat von Profis einholen. Und damit meine ich keine Hundeschule, in der ich jeden Sonntag die Grundkommandos übe. Sie können beide sogar Pfötchen geben. So ist es nicht.

Es geht nicht um Dinge, die man mal eben auflösen oder abtrainieren kann

Vielleicht sind es sogar Themen, die zum Teil lebenslanges Management erfordern und sich einfach nur runter reduzieren lassen, aber niemals verschwinden werden. Wer weiß das schon.

Es ist und bleibt schwierig, andere Menschen mit dieser Thematik vertraut zu machen, ohne negative Gefühle damit auszulösen. Ich denke trotzdem, dass Ehrlichkeit am längsten währt. Das ist ein Grund, warum ich diesen Blog schreibe.

Am Ende sind auch Hunde mit Maulkörben, einfach nur Hunde. Sie sind nicht bissig, böse oder sonst etwas, was man vielleicht mal im Fernsehen sah. Sie sind auch keine Kampfhunde oder gestört. Ich glaube die Wurzel des Problems findet sich nicht auf einer Hundewiese, sondern in den Köpfen der Menschen. Wir denken allzu gerne in Mustern, halten an Verzweigungen fest. Egal worum es geht.

Aber gerade in der Hundewelt ist es falsch, in Schubladen zu denken

Ich habe mir das Leben mit den Beiden ausgesucht. Ich habe mich bewusst dazu entschieden, mit allen Ecken und Kanten. Marie schrieb in ihrem letzten Artikel darüber, dass sie aufgrund negativer Kommentare manchmal kaum das Haus verlassen mag. Ich kenne dieses Gefühl nur allzu gut. Aber ich kann die Blicke ausblenden, die Kommentare überhören. Ich muss es sogar. Ich brauche meine volle Aufmerksamkeit und die innere Ruhe, damit ich die Hunde nicht ‚verliere‘. Sie würden sofort merken, dass etwas nicht in Ordnung ist und ich gerate in eine Endlosschleife der Unruhe.

Oft werde ich gefragt, ob ich Angst habe, mit den Hunden zuhause zu sein. Schon während ich das schreibe, muss ich ein bisschen schmunzeln. Auch diese Antwort ist nicht in einem Satz gegeben. Ich habe natürlich keine Angst. Im Gegenteil. Ich erwähnte bereits, dass ich Dobermänner schätze. Nicht zuletzt, weil sie wunderbare Wachhunde sind. Ich fühle mich sicher und weiß, dass sie gut auf mich und meine Wohnung aufpassen. Das ist ja auch ihr Job.

Dobermann und Wolfshund

Das Eine, was man will, das Andere, was man muss.

Dies bedeutet im Umkehrschluss auch, dass ich nicht jeden Besuch mit Leichtigkeit empfangen kann. Mein Ziel ist es zwar, die Lage eines Tages so gut im Griff zu haben, dass die Hunde nicht auf die Idee kommen, willkommene Besucher zu vertreiben, aber nach 1,5 Wochen bin ich noch nicht an dem Punkt angekommen.Ich habe durchaus Freunde, die Angst vor Hunden haben und ich respektiere das. Erst letztens hat Buri einen guten Freund angeknurrt. Natürlich konnten wir die Situation ruhig auflösen, aber auch für mich ist es manchmal angenehmer, einfach entspannt einen Kaffee zu trinken und nicht durchgehend einen Großteil meiner Aufmerksamkeit bei den Hunden zu haben. Ich lerne Buri immer besser kennen, aber erkenne noch nicht alle Situationen, die ihn auslösen könnten, um daran zu arbeiten und andere davor zu beschützen. Noch ein Grund, warum er einen Maulkorb trägt.

Ilva hingegen ist gerade bei Menschen, die unsicher sind, sehr Distanzlos

Niemand ist hier auf sich alleine gestellt, es ist meine Aufgabe, die Hunde zu leiten.

Aber manchmal möchte auch ich einfach nur über den neusten Klatsch und Tratsch philosophieren. Zum Glück haben Ilva und Buri ihr eigenes Zimmer, dort können sie ungestört ihre Pläne zur Übernahme der Weltherrschaft schmieden und ich erfahre ungestört, wie viele Kinder Kim Kardashian mittlerweile hat.

Wenn ich mit den Hunden alleine zuhause bin, muss ich auf niemanden achten. Das ist entspannt. Es ist wie mit jedem anderen Hund, zumindest für mich. Mich selbst muss ich nicht ständig daran erinnern, welche Situationen gefährlich sein könnten oder auch nicht. Es geht in Fleisch und Blut über und macht mir keine Angst. Und selbst wenn ich mal was abkriege, dann ist es so. Ich habe keine Katze im Sack gekauft. Es sind Hunde, keine Maschinen.

Ich liebe es, wenn ich an meinem Laptop sitze, so wie jetzt und die Beiden ruhig neben mir schlafen.
Ich könnte sie stundenlang beobachten und es macht mich einfach glücklich.

Auch Auftragskiller haben eine Familie und ein Zuhause, sie haben bloß einen ungünstigen Job gewählt. Vielleicht hat sie die Not dazu getrieben, vielleicht liegt es in ihrer Natur. Alles hat seinen Grund. Natürlich ist weder Buri, noch Ilva (wobei ich bei ihr nicht sicher bin..) ein Auftragskiller. Ich hoffe es ist für alle verständlich, wie es gemeint ist.

Sie sind meine Unschuldslämmer. Wenn ich morgens aufstehe und ihnen ihr Futter bringe und sie durchknuddel, dann sind sie Unschuldslämmer. Dann brauchen sie keinen Maulkorb. Ich muss mir keine Sorgen um mein Leben machen. Wenn Ilva mir ihre Schnauze ins Gesicht drückt und Buri seinen Kopf auf meinem Bein ablegt und mich mit seinen dunklen Knopfaugen anschaut, dann ist meine Welt in Ordnung. In diesen Momenten finde ich meinen Frieden.

Sie sind wie Superhelden, die ihr Kostüm anziehen und der Welt manchmal Seiten von sich zeigen, die sie noch lange nicht definieren.

Ich würde meine Superhelden niemals eintauschen. Wir arbeiten gemeinsam daran, ihre Fähigkeiten an einigen Stellen auszubauen und an anderen Stellen etwas kontrollierter einzusetzen.

Aber junge Superhelden dürfen sich Fehler erlauben, immerhin sollen sie lernen die Welt zu retten und das ist nicht so einfach. Meine kleine Welt retten sie jetzt schon ziemlich oft und bringen mir bei, auch eine Superheldin zu sein.

Dobermann und Wolfshund

9 Replies to “Zwischen Unschuldslamm und Auftragskiller

  1. Das ist schön geschrieben. Ich habe auch ein Unschuldslamm (wenn wir Zuhause sind und nur der Rüde mit dabei ist. Wenn allerdings unsere 16 jährige Jack-Russel Hündin anwesend ist kommt der Auftragskiller zum Vorschein ). Lotti liebt Menschen. Neben ihr dürfen nur 4 weitere Hunde existieren. Ich wurde schon als Tierquäler beschimpft weil sie einen Maulkorb trägt. Ist mir aber egal. Lotti ist fast 2. Ein DSH-LABRADOR MIX

    1. Liebe Martina,

      vielen Dank!
      Ja, die leidigen Kommentare. Du machst es genau richtig, solche Anmerkungen können einem wirklich einfach ‘egal’ sein!

  2. Das hast du sehr gut geschrieben und was wichtig ist, ist die Liebe die du für beidr hadt und sie nicjt wegen einem Problem abgibst. Meine Hocjachtung. Ich habe eine Setterhündin die ich ab und an Lady Gaga nenne weil sie einfach nur allem was fliegt hinterher will, auch anderen Hunden,außer den Hunden meiner Töchter, gegenüber hat sie kein Interesse und zeigt das sehr deutlich. Man hat mir schon getaten (das war eine Hundetrainerin) sie einzuschläfern weil es kein Sinn mache mit ihr zu arbeiten. Ich liebe sie und sie kann lernen sehr git so gar.😊 Ich liebe sie mit ihren Macken. Mach weiter so.👍

    1. Liebe Elke,

      es freut mich sehr, dass du dich gegen die Euthanasie entschieden hast und deine Lady Gaga jetzt sogar Fortschritte macht. Ich wünsche euch beiden alles Gute!

  3. Es gibt eine einfache Antwort: wir gehen bald ins Ausland in die Ferien. Dort müss n Hunde in öffentlichen Verkehrsmitteln Maulkorb tragen. Er übt…..

  4. Sehr schön geschrieben…so geht es mir auch mit meinen Hunden, weil sie nicht alles und jeden lieben. Auch ich erlebe oft, wie distanzlos, leichtsinnig und unüberlegt viele Menschen gegenüber ihnen fremden Hunden sind.
    Absolut grandios die Ausführung, auch die weniger guten Seiten am eigenen Hund anzunehmen und daran zu arbeiten, statt der verklärten Träumerei vom Superhund ein Tier nach dem anderen zu opfern, sprich die Verantwortung dafür Tierheimen oder dem nächstbesten (ahnungslosen) Menschen aufzuladen.
    Jedenfalls ein toller Beitrag, der hoffentlich viele Hunde- und Nichthundehalter zum Nach-und Umdenken anregt…👍😉

  5. Liebe Elena.
    Vielen Dank für deinen tollen Bericht. Mit deinen Worten, deinen Ansichten, machst du mir Mut und gibst mir die Bestätigung, alles (vieles) richtig zu machen.
    Meine Prinzessin ist mein bester Hund der Welt. In Haus und Garten ist sie super lieb, schmusig, aufmerksam, gelehrig, einfach gesagt: Traumhaft. Aber gehen wir raus (natürlich an der Leine) kommt vor dem Traumhaft ein Alb. Sie will jeden Hund in Sichtweite töten. Ich sollte besser sagen sie wollte jeden Hund töten, denn nach mittlerweile 10 Wochen haben wir diese Aggression soweit im Griff, dass sie zwar noch immer sehr aufgeregt, aber nicht mehr der Auftragskiller ist. Sie hat noch genau eine Hündin, die sie immer noch anfallen will. Diese läuft allerdings auch frei vor dem Rad fahrenden Besitzer, und dieser ist nicht gewillt seine Hündin anzuleinen. Ich finde es schade, das genau solche Menschen dann am bösesten über meinen Hund urteilen. Darum tut mir dein Blickwinkel unglaublich gut. Danke!
    Übrigens, ich würde sie nie wieder hergeben!

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