Kürzlich überfiel mich eine Erkältung und wie es mit Erkältungen nun mal so ist, schleppt man sie mit sich herum und hofft stetig, dass es schon irgendwie besser wird. Man legt sich nicht ins Bett, kuriert sie aus und gönnt dem Körper Ruhe bevor es richtig schlimm wird. Man treibt es auf die Spitze bis nichts mehr geht, bis man fiebrig darniederliegt und sich von Ibuprofen und Tee ernährt. Das ist zwar ziemlich dumm und eine Hasserklärung an den eigenen Körper, aber ich denke jeder der diese Zeilen hier gerade ließt, weiß wovon ich spreche. Zum Glück schreibe ich nicht über meinen healthy lifestyle, sondern über Hunde. Irgendwann kam der Tag, an dem ich morgens aufwachte und beschloss endlich zum Arzt zu gehen. Mir ging es seit drei Wochen schlecht und ich wollte schon am Tag zuvor liegen bleiben, aber wenn der Beruf eher eine Berufung ist, funktioniert das meist nicht. 

Während ich mir heißes Wasser aufsetzte und selbstmitleidig zum Taschentuch griff, schickte mir eine Kollegin eine Telefonnummer, mit dem Vermerk: „Elena Dringend anrufen“. 

Mutation zu sailor moon.

„Ich rufe an“, schrieb ich zurück. Ich lief mit dem Tee in Richtung Bett und noch bevor ich mich wieder hinlegen konnte, ertönte bereits das Freizeichen aus meinem Handy. Am Telefon war eine besorgte Tierärztin, eine von denen, die ihren Job verstehen. Früher am Tag sollte sie einen Hund einschläfern, der gebissen hat, er hatte dem Besitzer den Arm gebrochen und nun auch noch eine Bekannte verletzt. 45KG wog das stolze Tier. Die Tierärztin prangerte an, dass dieser Hund wohl „aus schlechten Verhältnissen“ gerettet sei und seither keine weitere fachliche Einschätzung erfahren durfte. Sie war sehr klar und sachlich, sagte, dass sie nicht wüsste ob der Hund wirklich verhaltensgestört sei und den Hund nicht einschläfern wird. Um Schlimmeres zu verhindern suche sie jetzt nach einem Platz für den Hund. Sie hatte bereits beim Amt angerufen, dort eine Telefonnummer bekommen und von da aus dann meine Telefonnummer bzw. meinen Namen erhalten.

Es ist an der Tagesordnung, dass Menschen ihre Hunde einschläfern, weil sie irgendwen gebissen haben. Mal war ein Zwicken in die Wade und mal eine Amputation der ausschlaggebende Grund, ein Leben zu beenden. 

Es ist nicht an der Tagesordnung, dass Tierärzte sich so einsetzen. Es wäre gelogen, wenn ich jetzt sagen würde, dass es immer falsch wäre Hunde einzuschläfern, aber es ist immer falsch, wenn der Hund keine Chance hatte. Es ist immer falsch, wenn irgendein Hundehalter meint, dass es jetzt an der Zeit wäre, weil Fiffi den Sohn anknurrt. Und es passiert viel zu oft. Natürlich weiß ich, wie es um die späteren Vermittlungschancen steht und dass, man nicht alle retten kann, das weiß ich auch. Doch wahllos Hunde produzieren und anschaffen, ohne jeglichen Sinn und Verstand und die Ware dann zu entsorgen, wenn sie nicht so ist wie erhofft, das ist in meinen Augen widerwärtig. Ausschließlich auf Facebook gibt es 300.000 Leute, die eine Petition für Chico unterschreiben, im echten Leben sieht die Sache anders aus. Viele wollen helfen (online, wenn sie nicht schon zwei Labbies haben), doch die meisten überschätzen sich und unterschätzen die Hunde. Die Plätze für auffällige Hunde sind begrenzt und die Luft wird langsam sehr dünn. 

Ich möchte an dieser Stelle meinen größten Respekt für die Tierärztin aussprechen und ihr von ganzem Herzen für ihren Einsatz danken. Niemals hätte ich Nein gesagt und so brachten wir den Stein ins Rollen, der Hund konnte noch am selben Tag kommen.

Kurze Zeit später saß ich im Auto mit einer Mentholzigarette in der rechten Hand, einem Energydrink im Cupholder und einer Erkältung, die sich schon bald rächen würde. Doch daran dachte ich in dem Moment nicht. Ich fuhr zur Arbeit und wartete auf einen weiteren Anruf. Während ich gerade mit dem Einparken beschäftigt war, klingelte mein Handy. Die Besitzer waren nicht mehr zu erreichen, es wurden SMS, Whatsapptexte und Mailboxnachrichten hinterlassen, doch keiner meldete sich zurück. Wir warteten noch ein bisschen ab und verdrängten die Gewissheit, dass sie wohl zu einem anderen Tierarzt gefahren sind. Das wäre nicht das erste Mal und passiert leider oft, man muss schnell sein, wenn man Leben retten will. So schwer ist es nämlich nicht, sich seines Hundes zu entledigen. Klingt jetzt blöd, ist aber so. Und ganz ehrlich, ich mache nicht mal jemandem einen Vorwurf. Die Besitzer, die Tierärzte, die Vermehrer, die Züchter, die „Trainer“ – sie alle wissen es nicht besser. Ich ,weiß es auch nicht immer besser‘, aber ich weiß, dass wir es uns nicht so verdammt leicht machen dürfen.

Was erwartet man von einem 45kg schweren Bulldog aus schwierigen Verhältnissen? KussiBussis und Dankbarkeit? Mh, vielleicht. Vielleicht poliert er dir aber auch die Fresse, weil er es kann und du nur ein weiteres Arschloch in seiner Galerie von Menschen bist, die es verkackt haben. Oder weil er ein Arschloch ist, der nicht gelernt hat sich vernünftig zu unterhalten und keinen Bock darauf hat. Alles ist möglich.

Was wirklich ist und wie man damit umgehen kann findet man nur heraus, wenn man Glück hat und an jemanden gerät, der dazu in der Lage ist Hunde ehrlich und fachkundig einzuschätzen.

Blut, Schweiß und Tränen. Die Arbeit mit Hunden ist mehr, als man sich in seinen kühnsten Träumen vorstellen kann. 

Ein paar Tage zuvor kam ein Hund zu uns, der ,lebenslang unverträglich, von einem Hundetrainer diagnostiziert bekam. Ein Leinenpöbler, den man niemals mit anderen zusammen bringen sollte. Zudem hat er  Menschen gebissen und wie immer stand die Euthanasie im Raum. Dieser Hund lebt seit Tag 1 bei uns in einer Hundegruppe, zeigte keine Unverträglichkeiten und läuft dort mittlerweile ohne Maulkorb mit, sowohl am Tag, als auch in der Nacht. Es handelt sich um einen intakten Rüden, der natürlich hier und da mal mit den anderen über seinen Stand diskutiert, aber Kommunikation ist ja auch nicht verboten. Wir sind kein Kloster mit Schweigegelübde. Es ist keine Magie oder Hundeflüsterei. Man muss nicht zaubern können, es sind auch keine Wunder die wir vollbringen. Es ist das Resultat von Herzblut und dem Wissen, dass man längst nicht alles weiß. 

Für die lauten, chaotischen und brutalen Jungs, die hysterischen, keifenden und gefährlichen Mädels. Für die ungemütlichen Köter, für die wir jeden Tag auf‘s Neue eine Lanze brechen. 

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