Es ereignete sich an einem Feiertag. Nach Ewigkeiten wollte ich einen Freund treffen, den ich lange nicht gesehen hatte. Sein Hund ist ebenfalls ein kleiner Chaot, jedoch deutlich gemütlicher, als Ilva und Buri. Wir beschlossen ans Wasser zu fahren und überlegten gemeinsam, wo es ruhig und wenig belaufen wäre. Ein weiterer Freund schlug einen Ort hinter dem Falkensteiner Ufer vor, wo nicht viel los sei. Später stellte sich heraus, dass er meinte, „im Vergleich“ nicht viel los, aber ich fange mal von vorne an.

Ich war lange nicht mehr mit den Hunden in Hamburg unterwegs, weil es mir zu anstrengend ist.

Die eine pöbelt an der Leine wie ein Hooligan und der andere spult sich schneller hoch, als ich bis drei zählen kann. Sie sind zwar mittlerweile unauffälliger als je zuvor, aber mein Leben ist gerade alles andere als langweilig und ich bin dankbar für jeden Moment der Ruhe. Die besagten Freunde holten mich ab, wir ließen die Hunde sich kurz begrüßen und stiegen dann gemeinsam ins Auto. Zum Glück ist das Auto groß, denn eigentlich war dort nur Platz für einen intakten Rüden, fand zumindest der Hund meines Freundes.

Fröhlich fuhren wir los und folgten der Wegbeschreibung des Freundes, der uns zu der Ruheoase führen sollte.

Wir fuhren durch die halbe Stadt, machten noch kurz an einer Tankstelle halt um dann den Endspurt anzutreten. „Da vorne ist es, da kann man parken“, sagte der Wegweiser. Wir befanden uns in einer extrem engen Straße, überall liefen Menschen herum, Fahrräder schoben sich durch die Gasse und Autos rangierten hin und her. Und wir mitten drin.

Das riesengroße schwarze Auto, bei dem es fast so wirkt, als würde sich das Tor zur Hölle öffnen, wenn sich die Kofferraumklappe hochzieht und die drei Chaoten rausspringen.

Langsam aber sicher wurde klar, dass sich ein Fehler in unsere Kommunikation eingeschlichen hatte. Der abgelegen Ort existierte nicht und wir befanden uns mitten in der belebten Zivilisation. Das Maulkorbgeschwader inmitten von Ball spielenden Kindern, freilaufenden Hunden und Menschen, die fernab von einer Welt leben, in der Hunde Metall in der Fresse tragen. Doch zunächst suchten wir einen Parkplatz. Verzweifelt wollten wir hinter einer Parkbank stehen bleiben, nicht ahnend, dass es sich hinter uns staute, bis ein großer tattöwierter Mann uns freundlich darauf hinwies. Wir versuchten uns ganz am Rand vorbeizuschlängeln und schnell aus dem Geraffel herauszukommen, als wir auf ein Mal irgendwas überfuhren. Es war relativ groß und ging zumindest nicht kaputt.

Bis wir realisierten, dass wir aus Versehen über die scheiß Parkbank gefahren sind, vergingen Minuten. Großes Auto, kleine Bank.

Nach einer Weile fanden wir einen geeigneten Parkplatz und stiegen aus. Die Beschaffenheit des Bodens war irgendwie ungünstig, so wie mein Schuhwerk. Macht ja nichts, die beiden Maschinen wiegen ja nicht viel und ziehen tun sie auch nicht, vor Allem nicht, wenn überall Menschen und Hunde sind. Ich sprach innerlich ein Mantra und hoffte, dass Buri sich nicht allzu sehr hochspult, allerdings war es dafür bereits zu spät. Ich trug meine Haare offen und es war sehr windig, ein Zopfband hatte ich vergessen und meine Sonnebrille rutschte andauernd von meiner Nase. Ein leiser Schimmer der Hoffnung tief in mir, lies mich glauben, dass es am Ufer vielleicht doch ruhiger ist, als das Umfeld vermuten lies. Überall Menschen. Kleine Menschen, die wild spielten, rannten und Bälle warfen, Hunde liefen frei herum. Was für die Einen das Paradies ist, war für mich eher so, als hätte der Mann auf dem Dreirad von Saw mich gefragt ob ich Lust hätte ein Spiel zu spielen. Es gab kein Entkommen.

Ich fühlte mich, als hätte ich die beiden Klitschkos an der Leine, die sich gerade gegenseitig für den Endgegnerkampf (E – wie Elena) aufstachelten.

Aufgeben ist nicht meins und so befreite ich mich von meinem Schuhwerk und ging gemeinsam mit meinem Kumpel und den Hunden zum Wasser, als ich plötzlich fast knietief im Watt steckte. Damit hatte ich verdammt noch mal nicht gerechnet. Buris Verschwörungstheorien wurden endlich wahr und der Boden wurde zu Lava, Ilva begann sich eine Ganzkörperkriegsbemalung zuzulegen und ich stellte mir einfach vor, ein kleiner Wattwurm zu sein. Ein kleiner Wattwurm, an einem sonnigen Feiertag. Hundis am Meer, Sonnenschein, Zerstörung. Die Apokalypse war mal wieder in vollem Gange. Mein Kumpel versuchte die Stimmung aufzuhellen und merkte an, dass, das Watt fast wie Schokokuchen sei und fragte im selben Zuge nach, wie wir eigentlich wieder sauber werden. Ein Handtuch oder so hatten wir nicht dabei. Unser Ausflug war durchdacht, von A bis Z. So sind wir. Übrigens fragte mich nebenbei noch ein junger Mann, ob er ein Foto mit den Hunden machen dürfe. Natürlich durfte er das. Komm rüber Kollege, alles kein Ding, kriegen wir hin.

So blieb die wandelnde Freakshow noch kurz für ein Foto stehen, bevor wir weiterzogen.

Uns fiel irgendwann auf, dass ein paar Meter weiter normaler Sandstrand war und wir einfach auf der falschen Seite zum Wasser runtergelaufen sind. Ich kenne mich mit Watt echt nicht aus und frage mich bis heute, wie da so die Gesetze sind und wie der Scheiß zustande kam. Warum ist denn keine 100 Meter weiter kein Watt mehr? Und warum haben wir das nicht vorher gesehen? Fragen, die mich nicht bewegen, aber auftauchten. Wir liefen also auf die andere Seite. Zum ersten Mal war Buri als Zugmaschine nützlich und ich ließ mich von ihm aus dem Watt befördern. Freudestrahlend kam uns der Mann entgegen, der uns zu diesem Ort brachte. Er trug netterweise unsere Schuhe und fragte freundlich nach, ob zufällig jemand einen Keks haben wollte. Ich lehnte Dankend ab, denn ich hatte leider keine Hand frei.

Was bin ich froh, dass ich die Hunde gut halten kann und mein Kumpel mir Ilva einen Großteil der Zeit abnahm. Außer für ein harmonisches Foto, was als Artikelbild dient.

Ich wäre aber nicht ich, wenn ich nicht aufschreiben würde, was hinter dem harmonischen Foto wirklich steckt. Wir trotteten also nebeneinander her auf dem Weg zum reinigenden Wasser. Plötzlich fiel der Schuh meines Freundes ins Watt, das war der Moment, in dem ich nicht mehr konnte. Vor Lachen. Das I – Tüpfelchen in unserem Chaos. Ich befand mich allen ernstes am Hundestrand, der zeitgleich als Spielwiese für kleine Kinder diente, einer der typischen Orte, die ich mit meinen Hunden tunlichst meide. Außer früh morgens oder nachts. Es ist nicht so, dass ich flüchte oder mich verstecke, aber auch ich habe gerne mal entspannte Minuten mit meinen Hunden. Auch wenn sie sind, wie sie sind. Am Wasser angekommen säuberten wir die Hunde und uns selbst.

Buri liebt Wasser. Doch wie die Liebe so ist, kann sie manchmal zur ungesunden Sucht werden. Vor Allem wenn man das Wasser jagt und sich reinsteigert, als gäbe es kein morgen mehr.

Ilva ist da deutlich entspannter. Irgendwie fühlte ich mich trotzdem am sichersten im Wasser, da waren wenigstens nicht so viele Kinder und im näheren Umfeld, kein anderer Hund. Nach der Wäsche begaben wir uns zurück an Land und gesellten uns zum Wegweiserfreund, der zufrieden auf seiner Decke saß. Ilva erspähte in der Zwischenzeit ein Objekt, welches ihr nicht zusagte und machte sich zur Attacke bereit.

Feuer frei!

Alle drei Hunde wollten mitmischen. Buri flog los, beflügelt von der Liebe zum Wasser legte er sich so richtig ins Zeug, für eine Sache, deren Sinn er gar nicht kannte. Ich erinnerte mich daran, dass ich ein Wattwurm war und blieb ganz ruhig. Als sich die wütenden Meute wieder beruhigte, stellte der Wegweiser fest, dass ich einen ungünstigen Wattfleck auf meiner Hose hatte. Ich bückte mich herunter, um diesen zu begutachten. Buri saß neben mir. Ich erwähne immer, dass man sich mit ihm nicht auf Augenhöhe begeben sollte. Schlaue Ratschläge verteilen – kann ich.

Leider vergaß ich in diesem Moment, dass er gerade vielleicht nicht brav sitzen bleibt, wenn ich meinen Kopf neben seinen halte und wie es das Gesetz so will, flog er mir voll in die Fresse. Er meinte das nicht böse, aber der Kinnhaken saß. Wo sollte er mit der ganzen Aufregung auch hin, wenn nicht in mein Gesicht?

„Aaarrrghhh Buuuuuuuri“, zischte ich. Während er freudig um mich herum sprang.„Halt mal kurz“ bat ich meinen Kumpel und drehte mich zur Seite, um in Ruhe diesen blöden Fleck zu entfernen. Die Ruhe hielt nicht lange an, denn kaum drehte ich mich weg, klebte der Dobermann quasi von hinten an mir dran.

„HALT MICH ODER ICH DICH ODER WIR UNS JEEEAAANYYYYYY NIEMAND WIRD DICH FINDEN“, so oder so ähnlich wären wohl die Worte von Buri gewesen, wenn er sprechen könnte. Ich schüttelte die schwarze Masse ab und befasste mich endlich mit dem leidigen Fleck.

Leute ich sag’s euch, ich hasse manchmal nichts mehr, als meine eigenen Hunde.

Können sie sich nicht mal eine Sekunde ihrer Rassebeschreibung von Wikipedia entsprechend benehmen? Freundlich und Friedlich!!! Buri! Das steht da! Denk mal darüber nach! Und Ilva „eine gewisse Reserviertheit“, Reserviert, davon ist die Axt im Wald im Wolfspelz aber Kilometerweit entfernt. Ich kann über Tage wie diesen lachen und sehe es am Ende wirklich als Herausforderung, denn ganz im Ernst, ich habe mir das alles so ausgesucht. Sowohl Ilva, als auch Buri, kreuzten meinen Weg und ich konnte entscheiden, ob wir zusammen weiter gehen oder nicht.

Doch zum Ende dieses Artikels möchte ich noch mal jedem ans Herz legen, sich genau zu überlegen, was für einen Hund ihr euch anschafft.Denn ich weiß genau, so ein Leben führen, das wünschen sich die wenigsten.

Kaum ein Mensch möchte darauf verzichten, nur eingeschränkt oder gar nicht an den alltäglichen Dingen des gesellschaftlichen Lebens teilzunehmen. Und ja, man kann Hunde trainieren, man kann mit ihnen arbeiten, aber das ist nicht mit einem Besuch in der Hundeschule getan. Oder einer Stunde bei einem Hundetrainer. Und die Arbeit beläuft sich auch nicht auf Teile des Tages, sondern auf das ganze Zusammenleben. Vierundzwanzig Stunden, sieben Tage die Woche. Ich erwähnte schon öfter, dass man sich überlegen muss, wie fair die Erwartungshaltung an gewisse Hunde ist, die einfach nicht für die Erfüllung der Anforderungen gemacht sind, die wir an sie stellen.

Ich habe meine Köter (mein Wort für Fellnasen) sehr lieb, sonst könnte ich sie zeitweilig nicht hassen. Wo keine Liebe ist, gibt es auch keinen Hass.

In jedem Chaos gibt es Kalkulation, so auch bei uns. Ich mag das, das ist mein Leben.

Aber was dahinter steckt, das ahnt kaum einer. Was es bedeutet, mit den Spezialisten zu leben, mit ihnen unterwegs zu sein, einigermaßen im Einklang und eine Balance zwischen den Hunden und Privatleben zu finden, davon kann man sich als außenstehende Person kein Bild machen. Ich sage nicht, dass man sich vor Herausforderungen scheuen sollte, denn die bringt jeder Hund mit sich. Doch wenn die Chance besteht, überlegt euch vorher genau, wie ihr euch das Leben vorstellt. Informiert euch nicht im Internet, sondern sprecht mit Menschen, die mit Hunden arbeiten.

Werft einen Blick auf die Seite der Dinge, die nur allzu gerne unter den Teppich gekehrt wird.

Wascht euch mit allen Wassern, lasst euch nicht von Emotionen leiten und tragt dazu bei, das die Zahl der Abgabehunde wieder sinkt. Die Zahl der Verletzungen durch Beißvorfälle, die Anzahl der Hunde, die durch aggressives Verhalten auffallen. Es werden immer mehr. Und es liegt in unserer Hand diese Entwicklung zu stoppen und aus Liebe zum Menschen und zum Tier wieder in die Richtung des Gleichgewichtes zu marschieren.

Ich könnte das jetzt noch unendlich weit ausführen, aber eigentlich wollte ich nur einen Artikel über meinen Ausflug ins reale Leben schreiben. Wie schön, dass ich coole Freunde habe, die mich und meine Hunde nehmen, wie wir sind. Aus Erfahrung weiß ich, dass, das absolut nicht selbstverständlich ist.

In diesem Sinne, freut euch ein Mal mehr über die harmonischen Momente mit euren Hunden, darüber, dass sie sich uns so oft, so gut anpassen. Was für einige selbstverständlich ist, grenzt für andere an ein kleines Wunder.

One Reply to “Unterwegs mit der Spezialeinheit”

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