‚Ich werde mir niemals einen Wolfshund anschaffen, ich hatte den verrückten Dobermann, ich tu mir das nicht an‘, höre ich mich sagen, während ich eine Woche vor Ilvas Ankunft mit den Kollegen in der Küche sitze. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete ich in einer Einrichtung, die sich mit der Aufnahme von obdachlos gewordenen Wolfshunden beschäftigte.

Bisher hatte ich schon einiges mit den Tieren miterlebt. Schönes und viel weniger Schönes. Ich hörte von vielen Beißvorfällen, die im Krankenhaus endeten. Ich sah wie sich die Tiere verhielten und war immer recht schadenfroh, dass ich sowas nicht an der Backe hatte. Außerdem war ich durch meine Erfahrungen geprägt und schon zu diesem Zeitpunkt gegen die Wolfshundezucht-/vermehrung.

Kein Mensch braucht einen Wolfshund. Es gehört ein Stück weit zu meinem Leben, die Schattenseiten der Dinge zu sehen und zu erleben. Lange hielt ich es für einen Fluch, mittlerweile ist es ein Segen der mir ANDERE Blickwinkel ermöglicht.

Manchmal war es mir richtig peinlich, wenn ich den Tieren ihr Futter brachte. Sie waren so stolze, freiheitsliebende Tiere, eingepfercht in kerkerähnliche Gemäuer, mit ausschließlich kontrolliertem Freigang.

Ich fühlte mich wie in einem Knast für die Tiere, die den Wald verließen. Am liebsten hätte ich mich entschuldigt und verbeugt, ihnen gesagt,  wie leid es mir tut, dass wir Menschen so egoistisch sind.

Auch Tierschutz kann ganz schön beschissen sein. Wir müssten nicht so viel beschützen, wenn wir nicht andauernd nur an uns denken würden.

Außerdem wurden es immer mehr Tiere, die abgegeben wurden. Oft waren die Gründe mehr als nachvollziehbar und ich hätte das Tier längst eingeschläfert, wenn ich hätte entscheiden dürfen. Für mich ist es keine Tierrettung, wenn man einen Hund/Wolfshund, der mehrere Menschen schwer verletzt hat nur noch herumreicht, mit der Aussicht auf ein Leben in Gefangenschaft. Das ist ein absolutes Tabuthema, aber dafür schreibe ich ja.

Wir Menschen stellen uns wie die Götter da, wenn es um die Vermehrung von Tieren geht.

Wir entscheiden, wer, wen befruchtet, versuchen vorherzusehen was dabei rauskommt und wie viel Kohle es wohl bringen wird. Ob die Hunde wohl erfolgreich sind und wunderschön aussehen werden. Wir entscheiden gerne über Leben.

Aber wenn es dann um den Tod geht, will keiner mehr etwas damit zu tun haben. Das könnte negative Presse geben oder Stimmen, die dagegen pöbeln. Ich für meinen Teil habe da kein Problem mit. Ich kann aber auch sagen, dass ich schon oft gesehen habe, wie die ausrangierten Schwerverbrecher leben. Wenn man es Leben nennen kann. Ich stand auch schon vor der Entscheidung meinen eigenen Hund einzuschläfern, aufgrund von Verhaltensstörungen. Ich habe es nicht gemacht. Aber ich weiß wovon ich hier rede.

Der moderne Tierschutz beschäftigt sich immer nur mit den blumigen Themen. grausame Bilder und Stories gibt es nur, wenn am Ende ein Mensch steht, der sich als Held darstellen kann.

Wäre ja sonst auch doof. Wer sagt schon gerne, dass er ein Tier gezüchtet/gerettet hat, was dafür prädestiniert ist, eines Tages aus dem Muster zu fallen? Es als tolles Familienmitglied verkauft hat und es jetzt nicht mehr zu händeln ist. Natürlich ist das ein bisschen peinlich, aber noch peinlicher ist es, sich andauernd aus der Verantwortung zu ziehen, wenn die Realität um die Ecke kommt.

Wenn dem so ist, wird es schnell unter den Teppich gekehrt. Wo sind denn die ganzen Berichte über die Tiere, von denen Menschen fürs Leben entstellt wurden und die jetzt in einem Verschlag leben und auf ihr Ende warten? Die Wolfshunde, die in einem kleinen Gehege dahin vegetieren und ihr Leben lang auf der Flucht sind, vor ihrem eigenen aufgezwungenem Leben. Etwas Traurigeres gibt es wohl kaum. Zu dem Thema sind bereits mehrere Artikel in Arbeit. Und ja, es gibt Menschen die ihre Wolfshunde wunderbar halten und alles funktioniert ausgezeichnet, aber darüber hören wir schon genug.

To be continued und zurück zu Ilva.

Sie kam zu uns und hatte für die erste Woche eine Bezugsperson. Ich war froh, nichts mit dem Freak zu tun haben zu müssen.Ich habe echt ein Herz für diese Hunde, aber wir hatten einfach schon so viele. Außerdem hieß es, sie sei gefährlich und habe sogar einen anderen Hund getötet, zumindest fast.

Auch noch einen kleinen Hund. Cloé lebte noch und ich wollte sie ungern an einen Wolfshund verlieren.

Mir reicht ein Hund, den ich an einen Wolfshund verloren habe. Ruhe in Frieden kleiner krieger.

Ich bekam also in der ersten Woche nicht viel von ihr mit. Ein Mal begegnete ich ihr im Flur und sie sprang zu mir auf eine Kommode und setzte sich neben mich. Ich dachte mir: ‘Was willst du von mir?‘. Und doch fand ich sie irgendwie ganz süß, aber nie wäre ich auch nur annähernd auf die Idee gekommen, dass Ilva mal bei mir wohnen wird.

Wolfshund

Nachdem ihre erste Bezugsperson die Arbeitszeit bei uns beendet hatte, war Ilva irgendwie ‚über‘. Keiner hatte richtig Zeit für sie. Wir wussten nicht genau, wo wir sie jetzt unterbringen sollten. Ich weiß noch, wie wir uns zum ersten Mal unterhielten. Ich saß draußen und hatte sie an der Leine. Die anderen sortierten im Haus die Hunde hin und her, um einen Platz für Ilva zu schaffen. Da ich nicht einfach nur draußen auf einer Bank mit ihr herumsitzen wollte, beschloss ich, ein bisschen Leinenführigkeit zu üben.

Wolfshund

Ich glaube das war der Moment, in dem der Groschen unterbewusst schon fiel. Ilva und ich liefen im Sonnenuntergang über den Hof, als hätten wir das schon tausendmal gemacht. Sie folgte mir wie eine Feder und ich war hin und weg. Toller Hund, das kann ich den Interessenten erzählen, dachte ich mir. Irgendwie waren wir auf einer Wellenlänge.

Vielleicht kennt ihr das, wenn ihr jemanden trefft, den ihr erst absolut nicht abkönnt, nur um dann festzustellen, dass ihr Beide aus demselben Eisen gemacht seid.

So war es ungefähr bei Ilva und mir. Sie, die mit der langen Vorgeschichte obwohl sie noch so jung war und ich, diejenige, vor der dich deine Eltern damals gewarnt haben. Wir verstanden uns.

Trotzdem hatte ich immer noch Cloé und ich wäre niemals das Risiko eingegangen, ihr einen Wolfshund mit dieser Vorgeschichte zuzumuten. Außerdem kannten die Beiden sich gar nicht und sollten sich niemals kennen lernen. Doch es kam anders. Ilva lief immer selbstverständlicher in der Gruppe mit und durfte sogar irgendwann auf ihren Maulkorb verzichten. Zumindest ab und zu.

Sie fügte sich wunderbar ein und fiel schon bald gar nicht mehr so richtig auf. An einem sonnigen Tag stand ich mit Marie (wem sonst) und ca. 25 Hunden draußen. Ich hatte Cloé im Arm und setzte mich auf eine Liegefläche. Schon bald kam Ilva angerannt und ich wäre nicht ich, wenn ich mich nicht auf mein Bauchgefühl verlassen hätte. Ich wusste, dass die Nummer gut ausgehen wird. Und Marie stimmte zu.

Ich blieb also sitzen, Ilva kam an und legte sich einfach neben mich. Cloé wird in dem Moment gedacht haben:‘ Ey, Elena, ist das dein scheiß Ernst? Echt jetzt?‘. Sorry Cloé, du kanntest mich besser als jeder andere, natürlich war es mein Ernst. Ich setzte Cloé vorsichtig zu Ilva. Die blickte nur kurz zu ihr rüber und schlief seelenruhig weiter. So lagen die beiden friedlich nebeneinander, ohne großen Aufriss.

Wolfshund und Chihuahua

Ich brachte Cloé und Ilva immer wieder zusammen, ließ sie gesichert gemeinsam über die Wiese laufen und nahm Ilva irgendwann sogar Nachts mit in mein Zimmer, wir schliefen gemeinsam im Bett. Ich beschloss mich weiter mit ihr zu beschäftigen und meine Kollegen zu dem Thema zu befragen.

Wolfshund und Chihuahua Wolfshund und Chihuahua Wolfshund und Chihuahua

Alle waren sich einig, ich sollte sie mit nachhause nehmen, wenigstens um mal zu testen, wie es so läuft. Wir hatten uns nicht gesucht, aber gefunden.

Ich meine, einen Wolfshund in einer Wohnung mitten in Hamburg halten. Das ist nicht ganz normal. Aber ich bin ja auch nicht normal, somit passte es wieder ganz gut. Und so kam der Tag, an dem ich Ilva mit nachhause nahm. Mein damaliger Freund und sie verstanden sich sofort prächtig. Sie schliefen sogar am ersten Tag bereits gemeinsam im Bett. Und wir haben uns nicht wegen dem Hund getrennt. Sowohl die Beiden, als auch er und ich, verstehen uns immernoch.

Wolfshund

Ich hatte die Befürchtung, dass Ilva sich in der Stadt unwohl fühlen würde, doch dem war nicht so. In den nächsten Tagen testete ich alle möglichen Dinge mit ihr, Bus und Bahn fahren, in Cafés rumhängen und shoppen gehen. Sie machte alles brav und entspannt mit, als hätte sie nie etwas anderes getan. Sie ist ein härteres city girl als ich es je war. Ich erinnere mich noch, wie wir gemeinsam in einem Laden waren und in der Schlange standen. Ilva hat sich einfach auf den Boden gelegt und geschlafen. Ihr waren die ganzen Menschen und Geräusche vollkommen egal. Sogar auf die Demenzstation ins Altenheim begleitete sie mich. Natürlich fand sie das im ersten Moment gruselig und einige der Bewohner waren ihr nicht ganz geheuer, aber es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.

Wolfshund in der Stadt Wolfshund in der Stadt Wolfshund beim Shoppen Wolfshund beim Fotoshooting

Ich wollte einfach sicher gehen, dass ich ihr keine Umgebung aufzwänge, in der sie sich verloren gefühlt hätte.

Mittlerweile bin ich sicher, dass sie auch unter einer Brücke mit mir leben würde. So Gott bewahre.

Das Einzige, was so gar nicht funktionierte, war der Sozialkontakt mit Artgenossen. Sie hasste alles und jeden, platt ausgedrückt. Ich hatte einen Tyrannosarus an der Leine. Ich kenne zum Glück genug wunderbare Hundetrainer und Hundemenschen, die mir bei diesen Dingen gerne behilflich sind. Ich meine, ohne mich würde ihnen doch auch irgendwann mal langweilig werden.

Es war kein Thema, was mich davon hätte abhalten können, Ilva bei mir aufzunehmen. Wie auch. Jeder hat doch seine Ecken und Kanten. Sie muss auch damit leben, dass ich wild gestikuliere und manchmal aus dem Nichts anfange laut zu lachen. Das fand sie zu Anfang ziemlich gruselig. Wobei ich Ilva auch zutrauen würde, dass ich ihr oft einfach voll peinlich bin. Außerdem frage ich sie jeden morgen auf’s Neue, ob sie mir einen Kaffee bringt. Sie rennt dann los und weiß natürlich nicht, was ich von ihr will. Trotzdem freut sie sich immer und ich finde es lustig. Tja, dafür kann ich auch darüber lachen, wenn sie meine Sachen zerfrisst oder den Mülleimer ausräumt. Ich sag ja, wir verstehen uns.

Wolfshund

Mich hat mal jemand gefragt, ob ich mir nicht auch mal einen ‚normalen‘ Hund wünschen würde, mit dem ich entspannte Spaziergänge machen könnte.

Einen Hund, den man ableinen kann. Einen, der alleine bleibt, ohne die Nachbarn zur Weißglut zur treiben oder das Haus zu zerstören. Und ob ich mir Sicher wäre, worauf ich mich da einlasse.

Ich kann diese Frage wirklich niemandem verübeln. Niemals würde ich empfehlen, sich einen Wolfshund anzuschaffen oder einen anderen Hund mit einschränkenden Themen. Eher würde ich gerne mit allen Menschen vorher darüber sprechen, die dies vorhaben oder sich in so einer Situation befinden. Es ging mir nicht immer so wie heute, das sah mal ganz anders aus, damals mit Cosmo. Ich bin durch die Hölle gegangen. Damals fiel es mir schwer, andauernd zu rechtfertigen, warum ich das mache. Diese Zeiten gehören der Vergangenheit an. Und ja, ich würde behaupten, ich weiß besser als so manch anderer, worauf ich mich da einlasse.

Meine Antwort ist also: Nein, wünsche ich mir nicht. Ich schreibe nicht für ANDERSHUND, weil ich ein Thema oberflächlich erkannt habe und Menschen dafür sensibilisieren möchte, sondern weil ich es lebe. Mein Herzblut fließt dafür.

Ich widme meine Zeit und meine Energie gerne denen, die ein bisschen anders sind. Ich bin es schließlich auch.

Könnte sich ernsthaft jemand vorstellen, wie ich mit einem freilaufendem Labradormix ohne Maulkorb, fröhlich lächelnd im Park über die Hundewiese spaziere? Wie komisch wäre es, wenn ich auf ein Mal einfach Termine vereinbaren könnte, ohne im Hintergrund irgendwie die Hunde zu managen oder sie überall mitzuschleppen. Ich wäre einfach nicht mehr ich. Und das wäre das Schlimmste, was passieren könnte.

Ilva und ich leben jetzt seit Oktober zusammen durchgehend in der Stadt. Und was soll ich sagen, sie macht sich ganz wunderbar. Wir gehen zusammen auf Hundewiesen, trotz ihrer Aggressionen anderen gegenüber. Natürlich nicht ohne Maulkorb. Es wird Zeit brauchen, eine menge Training und Bindungsarbeit. Ich bin nicht sicher, ob sie jemals friedlich auf einer Hundewiese herumrennen wird. Ich gehe nicht davon aus und es stört mich herzlich wenig. Mein Ziel ist schon erreicht, wenn sie sich mit mir so sicher fühlt, dass sie die anderen Hunde einfach links liegen lassen kann. Oder sich auf die fokussiert, die sie mag. Letztens erst hat es ihr ein kleiner Chihuahuarüde angetan.

Wolfshund

Diese Momente sind für mich Gold wert. Ich freue mich für sie und bin stolz.

Bei allen schönen Erlebnissen und dem Vertrauen, was ich zu ihr habe, werde ich nie vergessen, wozu sie im Stande wäre, wenn sie wollte. Ob Wolfshund, Pit Bull, Rottweiler oder sonstige große Hunderassen, man trägt eine besondere Verantwortung und hat nie eine Garantie. Auch kleinere Hunde können gefährlich werden, aber ich glaube es bleibt ein Unterschied ob ein Chihuahua zuschnappt oder ein Wolfshund. Ich bin gegen Rasselisten und weitere kommerzielle Erfindungen was ‚gefährliche Hunde‘ betrifft, aber ich bin ebenso gegen die Verharmlosung der Tiere. Aber auch dieses Thema werde ich demnächst nochmal ausführen.

Vor ein paar Tagen habe ich meinen Wecker überschlafen. Nach dem zwanzigsten mal Snooze war ich kurz vor dem Moment, wieder einzuschlafen. Ich wäre ganz schön in Schwierigkeiten geraten. Aus dem Off stand Ilva auf und stellte sich an die Bettkannte. Sie tänzelte rum und klatschte mir vorsichtig ihre filigranen Pranken ins Gesicht. Dann ihre Nase. Ich war hellwach und fragte, was sie denn wolle. Sie schaute mich zufrieden an und legte sich wieder neben mich. Es war entweder ein riesiger Zufall oder sie wusste, dass ich jetzt nicht wieder einschlafen dürfte. Ich glaube selten an Zufälle und stand mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht auf.

Unsere Wege kreuzten sich nicht zufällig. Und ich bin dankabr für jeden Tag, an dem ich morgens in ihre Bernsteinaugen blicke und mich einfach freue, dass sie da ist.

Ich bin gespannt auf weitere Jahre mit meiner geliebten Wolfstöle und all ihren wahnsinnigen Einfällen. Wer weiß, ich traue ihr zu, dass sie eines Morgens doch noch mit einem Kaffee um die Ecke kommt.

Wolfshund

4 Replies to “Und dann kam der Wolfshund – Wie Ilva und ich zueinander fanden

  1. Man könnte jetzt so viel positives über dich schreiben. Aber ich denke es ist alles gesagt wenn ich sage, gäbe es mehr “Menschen” wie dich dann wäre die Welt so wunderbar. 😇 Ich ziehe den Hut vor dir, denn wer mich kennt der weis was das heißt!

      1. Liebe Elena,
        bitte keine falsche Bescheidenheit. Alles, was Manfred Fischer geschrieben hat, kann ich nur bestätigen. Du bist eine wunderbare Person, die ihr Herzblut auf der Zunge trägt und nicht erst jedes Wort in Watte packt, um nicht anzuecken. Chapeau. Es sind Geschichten, die das Leben schreibt. Du schreibst so gefühlvoll, spannend, nachvollziehbar, dass schon beim Lesen ein kleiner Film daraus wird. Freue mich darauf, den nächsten Artikel zu sehen. Vielen Dank für Deinen Mut und Deine Ehrlichkeit. Ich finde Dich klasse und eine grosse Bereicherung für die Hundewelt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.