Hier ist er, der dritte Teil meiner niemals endenden Serie „Shitstorm“.

hello darkness my old friend.

Gestern Abend habe ich über meine letzten Artikel nachgedacht und eine relativ nüchterne Bilanz gezogen. Momentan kann ich euch kaum etwas über meine Hunde berichten, sie sind alle wohlauf, bis auf Buri, aber den Umständen entsprechend geht es ihm auch gut. Tierschutz ist ein schmutziges Pflaster und wer was erreichen will, braucht mehr als ein dickes Fell und Mitleid. Zwischen Kapitulation und voller Kraft voraus versuche ich den Spagat zu machen, versuche alle zu erreichen, ohne sie ungünstig zu treffen und bei der Sache zu bleiben. Doch so ein Dauerspagat zieht in die Muskeln, es tut irgendwann weh und man wird wütend. Zumindest ich werde wütend, wenn etwas die ganze Zeit weh tut. Ich komme kaum hinterher alles aufzuschreiben, was ich sagen möchte, denn die Realität verlangt nach meiner Person und mir fehlt die Zeit, die Armbrust abzulegen, in Ruhe einen Kaffee zu trinken und zu Schreiben. Neulich stellte ein fleißiger Ehrenamtler im Tierheim eine wertvolle Frage, während ich lässig am Zaun stand und meine Zigarette rauchte. Der junge Mann hilft viel und hat immer gute Laune, eine Bereicherung. Neben mir stand ein weiterer junger Mann, der ebenfalls Hunde im Haus hat, die manch einer nicht mal auf 100m Entfernung kennen lernen möchten. Wir schnackten so über dies und jenes und der Ehrenamtler fragte nach dem Warum. Warum rettet man eigentlich all diese gefährlichen Hunden und stellt sich jedem Tag dem Kampf um das eigene Leben, um das Leben der Hunde, gegen die Ablehnung der Gesellschaft. Wie erträgt man all das Halbwissen, fehlendes Verständnis und die Realität, in der es von Tag zu Tag schlimmer wird?

Warum möchte man denen helfen, bei denen die Chancen so schlecht stehen und wieso badet man ständig den Dreck der Anderen aus. Und warum, warum zur Hölle, entscheidet man sich für ein Leben mit diesen Hunden? Im eigenen Umfeld, im eigenen Haus.

Ein verwirrter alter Mann bei Facebook, der meint er wüsste was, hat mal gesagt, dass nur Versager solche Versagerhunde haben und es krank sei. Wären wir normal, so wie er, hätten wir auch normale Tiere, aber da wir eh zu dumm wären sie hinzukriegen, nehmen wir lieber gleich die Versager, damit keiner merkt was für Versager wir sind. Und er meinte, ich wäre eine Legasthenikern am Hund, weil ich meinen Schwarzen nicht trete, wenn er mich „blockiert“. Bei ihm hätte er längst Leberschmerzen.

Willkommen in meinem Alltag.

Die bis eben locker lustige Konversation drehte sich, der Gleichgesinnte und ich sahen uns an. Ich glaube wir lächelten ein bisschen, ich drückte meine Zigarette aus und war bereit, eine bestmögliche Antwort auf all die Fragen zu liefern. All diese Fragen sind berechtigt und wichtig, denn mein Gott, wäre ich Außenstehend, würde ich mich das auch fragen. Oder an die romantische Vorstellung glauben, dass man nur ein bisschen Fachwissen braucht und dann läuft das schon. Bekommt man aber einen Einblick, so wie unser Ehrenamtler, kommen schnell andere Fragen auf. Ich fasste zusammen warum es wichtig ist, dass diese Hunde nicht einfach entsorgt werden und dann unter den Teppich gekehrt, als hätte es sie nie gegeben. Wir müssen die Ursache bekämpfen, nicht die Symptome und es würde kein Problem lösen. Sie sind ein Produkt welches wir Menschen produzieren. Das heißt nicht, dass ich hirnlose Phrasen wie „der Fehler hängt immer am anderen Ende der Leine“ unterstütze, sondern die Fakten. Wir sind durchaus in der Lage im 21. Jahrhundert zu kontrollieren, wieviele und was für Hunde wir so züchten. Wir wären in der Lage all das zu kontrollieren, wir wissen wie krank die Hunde sind, wie schief die Dinge laufen und anstatt einen Warnschuss abzufeuern und zu handeln, wird weiter bei Kaffee und Kuchen auf Fellnasenniveau über den Tierschutz diskutiert. Jede Woche lese ich Mails von Auslandstierschützern, die zehn Hunde bei uns unterbringen wollen, monatlich. Parallel suche ich einen Platz für einen Hund, der die Kinder attackiert, alle umliegenden Tierheime können nicht aufnehmen. Die Vorbesitzerin hat sich aus dem Staub gemacht, vergessen zu sagen, dass ihr Hund hochgefährlich ist. Alltag, kein dramatischer Einzelfall. Wir sind voll, es ist überall voll. Mehr Erklärung bedarf es an der Stelle nicht.

Manchmal fühle ich mich wie die Müllabfuhr für Hunde, als wäre es selbstverständlich mit Tieren zu handeln und sie abzuschieben. Und dabei darf jetzt nicht das Bild im Kopf entstehen, wie ich mit 25 kuscheligen Freunden in einem Lkw mit lauter Popmusik durch die sonnigen Straßen cruise und sie alle an einen besseren Ort bringe. Denkt euch die Sonne weg, eine Zigarette dazu, einen abgebrochenen Fingernagel und eine Moxonleine, sowie einen Maulkorb. Einen Lautstärkepegel der jenseits von Gut und Böse liegt und dunkle Gassen. Immerhin ist man nicht immer ganz alleine in den dunklen Gassen, da gibt es diese zwielichtigen Kneipen, in denen man Menschen trifft, die sich an den selben Orten rumtreiben.

Es sind also nicht die Gassen, die schrecklich sind. Es sind die Menschen, die an den Nerven nagen und einen manchmal in Ohnmacht versetzen. Jene, die unbedingt diesen einen Hund wollten, die nicht nachgedacht haben, die Egoisten. Die Menschen, die es wirklich nicht besser wussten und geglaubt haben, nicht gewusst. Die mir genau so leid tun, wie die Hunde. Fehlgeleiteter Tierschutz. Man kann nicht mal böse sein, aber genau so wenig schützt Unwissenheit vor Strafe. Die meisten Menschen drehen sich vollkommen im Kreis, der Hund ist nur das Symptom. Sie sind alle Symptome unserer Gesellschaft, die ich persönlich als krank bezeichne. In einer gesunden würde die Hälfte der Hunde nicht auffallen oder existieren. Behaupte ich mal ganz naiv. Es ist nicht so, dass ich jetzt jemandem die Schuld geben möchte oder mit dem Finger auf die Idioten zeige, denn es ist scheiß egal wer die Schuld hat – es muss sich dringend Etwas ändern.

Auch Unschuldige können und dürfen helfen. Ich meine, wie oft passiert es im realen Leben, dass Menschen sich ihre Fehler eingestehen und versuchen sie auszubaden? So gut wie nie. Darüber müssen wir also nicht diskutieren. Selbst wenn man all diese Hunde verschwinden ließe, es würden neue kommen.

Kürzlich sollte sich ein Kangal mit einem Australian Shepherd vermehren. Mehr muss ich dazu nicht sagen. Ein Kangalian Shepbeast. Oder so. Ich meine, jeden Tag kommt irgendwer auf die Idee, dass man die gute Gene der Arenalinie oder sonstigen Scheiß, definitiv aufrecht erhalten sollte. Jeden Tag liest jemand im Internet, dass Hundeerziehung per online Leitfaden funktioniert und es einzig und allein auch nur darauf ankommt: die gute Erziehung.

Auch ein Labrador beißt Kinder, ein Chihuahua blonde Frauen, ein golden Retriever tötet Artgenossen und auch der wohlerzogenste Hund ist am Ende nur ein Hund. Ich habe aufgehört in Gruppen mitzulesen – online „Hundetraining“ ist für mich ein rotes Tuch.

Die Menschen die sich Hundetrainer schimpfen und ihre kleinen Tipps und Tricks auf Instagram posten, Videos erstellen und Kommunikation erklären, sind für mich nicht ernst zu nehmen. Ich sehe immer nur schöne Dinge, kleine Fehler, die aber natürlich sofort erkannt und behoben werden, von den super Profis. Alle sprechen von Problemhunden, jeder kann es managen, man muss nur genug Instastories und Leitfäden beachten. Wo steht eigentlich was man macht, wenn sich der Problemhund in einem Kind festbeißt und nicht mehr loslässt? Die Antwort hat mir letztens ein Vater erzählt, der kurz vorher seine vierjährige Tochter im Krankenhaus besucht hat. Solche Fälle finden sich selten auf Videos oder in den Stories von „Trainern“, weil sie nicht so glamourös zu verpacken sind.

„Der Hund der Familie, der drei Jahre unauffällig war, hat sich das Kind gekrallt und Papa musste ihn von seiner kleinen Tochter abhebeln. Da der Hund unauffällig ist, habe ich jetzt 2.000 Vermutungen und erst Mal keinen blassen Schimmer, woran es gelegen haben kann, das andere ende der Leine tut mir unsagbar leid, das Opfer umso mehr und der Hund auch. Wer Schuld hat ist egal und ich bade ungerne in dem Glanz der Heldin, die ich nicht bin, mit dem Preis des Leides der anderen Leute.“

#Menschlichkeit

Macht alle was ihr wollt, aber hört auf wie Disney unrealistische Vorstellungen von Etwas zu vermitteln, von dem ihr nichts wisst. Und ich frage mich auch wann es in Mode geraten ist, mit gefährlichen Hunden zu arbeiten. Wobei gefährlich jeder anders definiert. Und verhaltensauffällig bedeutet nicht gleich gefährlich. Ich bin gegen diese falsche Glorifizierung, denn dabei geht die Schattenseite immer verloren. Wo sind die Menschen, die alles versucht haben und nichts bewirken konnten, wo sind die Geschichten über die Hunde, die eingeschläfert werden mussten, weil es nicht mehr anders ging? Und wo sind die Texte darüber, dass, das alles immer schlimmer wird?

Kommen wir zur Ausgangsfrage zurück, bevor ich komplett abschweife. Warum das Ganze?

Ich kann nur für mich sprechen, aber ich hatte schon als Kind einen Hang zum Anderssein. Agonistisches Verhalten, Konflikte, Konfliktlösungen, Furcht, Angst, Aggressionen – Dinge, von denen nicht jeder was hören will, möchte ich umso mehr wissen. Vor Allem Aggressionen werden selten als das thematisiert, was sie wirklich sind. Ob es um Menschen oder Tiere geht. Ich war das Kind, was dem Monster in der Höhle, in die man nicht rein darf, auf gut Glück ein Butterbrot gebracht hat. Die Konfliktfähigkeit nimmt ab, Dinge schön reden liegt im Trend.

Man eckt schnell an, wird gedrosselt und eingeschränkt. Die Arbeit mit Hunden ist erfrischend und ehrlich, in ihrer Nähe fühle ich mich gut. Ich beobachte sie gerne. Egal wie sie sind, sie bleiben sich treu und daran nehme ich mir gerne ein Beispiel.

Ich hänge gerne mit denen ab, die nicht für ein Leckerchen Sitzi machen und was zu erzählen haben. Ich kann das halt irgendwie verstehen, auch wenn ich es nicht immer gut finde. Ich mag Authentizität und es ist für mich nachvollziehbar , warum viele Hunde beißen und aus der Reihe tanzen. Warum die Hunde nicht in unseren Zirkus passen wollen und können. Ich passe da auch nicht rein. Ich bemühe mich ihre Sprache zu sprechen und erwarte keine Dankbarkeit. Denn das hilft weder den Hunden, noch uns Menschen. Ich will sie auch nicht alle „Resozialisieren“ oder noch besser „erziehen“, sondern ich möchte, dass, das Bild des Hundes in unserer Gesellschaft wieder ein realistisches wird.

Ich möchte, dass die „Anderen“ eine Stimme bekommen und keine Märchen mehr als Wahrheit gelten. Diese Hunde haben auch das Recht auf Schutz, solange das Leben lebenswert bleibt. Und jene Hunde, die aus gutem oder weniger gutem Grund gehen mussten, die haben es auch verdient, dass man über sie spricht.

Die Arbeit mit Hunden bedeutet vor allem an sich selber zu arbeiten, ein ewiges reflektieren. Es ist gar nicht so einfach, kurz gefasst auf diese Fragen zu antworten. Wären meine Hunde nicht wie sie sind, hätte ich mich nicht für ein Leben mit ihnen entschieden, dann wäre das alles nur Wasser was ich predige, während ich Wein trinke. Ich hätte kein Verständnis, könnte nichts nachempfinden, nur erahnen wie es ist. Ich würde vieles Glauben, aber nichts wissen. In meinem Kopf wären Grenzen und Schranken, hinter denen zwar Vermutungen liegen würden, aber mehr auch nicht. Ich wäre wie all das und diejenigen, die ich an den Pranger stelle. Der Andershundehalter neben mir und ich sprachen darüber, wie das Ganze so zu Stande kam und die anfängliche Blauäugigkeit. Das wir alle grundverschieden sind, aber irgendwas gemeinsam haben. Auf jeden Fall ist das Ganze wenig famefähig, wenn man ehrlich ist. Es ist nicht cool, einen verhaltensauffälligen Hund zu haben, der dich oder andere verletzt, wenn er die Möglichkeit dazu hat. Und ja es gibt sie, es gibt ganz viele von denen, die das tun. Bei denen keine Erziehung hilft, keine Resozialisierung. Nein, das kriegt man da nicht raus. Wir haben sie dafür gemacht, es sind Tiere. Hunde beißen, hochsoziale Lebewesen eben. Natürlich kann man mit jedem Hund arbeiten, Verhalten verbessern, Dinge ändern – aber du kannst niemanden zu Etwas machen, was er eben nicht ist.

„He is a weapon, a killer. Do not forget it. You can use a spear as a walking stick, but that will not change its nature.“

The Song of Achilles

Demnach kann auch jeder Hund ein toller Begleiter sein, wenn man weiß, mit wem man es zu tun hat. Wenn man sich darauf einlässt. Jemanden so zu nehmen, wie er ist – das ist eine Kunst. Warum lebe ich also mit meinen Hunden? Weil ich sie mag, wie sie sind. Natürlich nicht immer und jede Verhaltensweise, das wäre ja auch verrückt.

Und warum ich glaube, dass man auch den harten Jungs und Mädels eine Chance geben muss? Weil die kleine und stille Hoffnung in mir besteht, dass für den ein oder anderen doch noch ein Mensch um die Ecke kommt, der sich auf den Weg zu der Bar begeben möchte, in der wir „anderen“ Hundeleute uns abends immer treffen.

To be continued.

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