Der Trend geht zur Fremdbetreuung. Hundepensionen, Hundetagesstätten, Gassi Service und viele mehr sprießen wie Pilze aus dem Boden. Prinzipiell ist dem nichts entgegen zu setzen, solange man den Hund damit nicht in die persönliche Hölle schickt, sondern ihm einen Gefallen tut.

 

Sensible Hunde in hundepensionen

 

Hundepensionen, oder fancy ausgedrückt: Hundehotels, sind eine gute Unterbringungsmöglichkeit für bestimmte Hunde in gewissen Situationen. Zum Beispiel wenn Herrchen und Frauchen in den Urlaub fahren und die Reiseart oder -dauer einfach zu viel Stress für den Vierbeiner bedeutet (z.B. ein 10 Stunden Flug nach Timbuktu oder ein Städtetrip mit 4 Museumsführungen pro Tag).
Manchmal geht es auch nur um einen Tag, während man sich im Urlaub befindet, weil man vielleicht ins Theater gehen möchte, aber der Hund nicht alleine im Hotel bleiben kann. Oder über Silvester, die Pensionen liegen meist mitten in der Wildnis, wo somit auch niemand Raketen neben seinem Ohr anzündet oder D-Böller nach ihm wirft (das passiert wirklich!).

 

Auch der Gassiservice ist eine wunderbare Erfindung. Viele Hundebesitzer bringen ihre Hunde morgens dort hin, damit sie einen tollen, auslastenden Tag erleben und holen sie dann abends wieder ab. Ein bisschen wie Kindergarten für Hunde. Ohne einen Gassiservice könnte so mancher gar keinen Hund mehr artgerecht halten. Andere lassen ihren Hund mittags zu Hause abholen, weil sie zwischendurch nicht von der Arbeit nach Hause kommen können, damit der Hund nicht acht Stunden Langeweile schieben muss. Das ist alles gut und schön. Zumindest für einen dickfelligen (im übertragenden Sinne) – sagen wir der Einfachheit halber Mal Labrador- absolut kein problematisches Szenario.

Nun ist es aber leider so, dass es recht viele ANDERSHUNDE auf der Welt gibt. Wenn ich darüber nachdenke, kenne ich eigentlich mehr ANDERSHUNDE als “normale” Hunde. Jeder hat seine Macken und Schrullen. Und bei solchen Hunden muss man eben ein wenig weiter denken.

 

Habe ich vielleicht ein Sensibelchen zu Hause?

 

Fremdbetreuung bedeutet für Hunde meist Stress.
Sowohl positiven als auch negativen Stress.
Für Hunde, die sehr extrovertiert sind, keine Probleme mit Umfeldsveränderungen haben und sich generell sehr unkompliziert an die jeweilige Situation anpassen, ist ein Tag in der Hundepension wunderbar. Denn diese Tage bedeuten für eben diese Hunde: Spielen bis zum Umfallen, neue Freunde finden, Menschen die sie streicheln und füttern und viele neue Eindrücke.

Positiver Stress voller Glückshormone. Das löst das alt bekannte Gefühl aus, als Kind dreckig vom Spielen nach Hause zu kommen und müde ins Bett zu fallen. Das kann natürlich zu viel werden und einige Hunde brauchen auch mal eine Auszeit, bevor sie sich zu sehr hochspulen. Am Ende des Tages verbuchen sie das Kapitel “Hundepension” aber mit Sicherheit in der Abteilung “Hat Spaß gemacht, will nochmal”.

Für Hunde die sehr sensibel sind, ist das Ganze schon weniger angenehm. Ob ein Hund nämlich Stress als positiv oder negativ empfindet, hängt stark von seiner Persönlichkeit ab. Der Eine ist schon völlig überfordert, wenn ein LKW vorbei fährt und er gleichzeitig Sitz machen soll (Zazou zum Beispiel). Den Anderen kann nichts aus der Ruhe bringen und er guckt nicht mal hin, wenn ein vorbeidonnerndes Auto ihm die Schwanzspitze versengt.
Negativer Stress entsteht dann, wenn der Organismus nicht mehr weiß, wie er eine Situation verarbeiten soll.

 

Hunde-spielenDas kann auch schleichend geschehen, die meisten Hundehalter bemerken es gar nicht. Ein kleiner Hund (hier Kuma) kann das Spiel mit dem Rottweilermischling durchaus lustig finden, bis sie zu sehr gejagt wird und sich der Situation nicht mehr gewachsen fühlt. Hier hätte ich längst eingreifen sollen – ich habe es schlicht und einfach nicht gesehen. Erst auf dem Bild, als sie nicht mehr mit 80 km/h an mir vorbei rannte, sah ich ihren Gesichtsausdruck. Kuma hatte wohl schon länger keinen Spaß mehr an der Sache: Sie flüchtet und verbucht das Kapitel “Hundewiese” jetzt eher unter der Überschrift “Lebensgefahr. Nie wieder”.

 

Wie viel Sozialkontakt braucht mein Hund?

 

Das kommt ganz auf ihn an. Die Welt ist für die extrovertierten Wesen geschaffen. Ich habe in einem Hundehotel gearbeitet und ich weiß, wie die verschiedensten Hundetypen sich dort verhalten. Und oft kam mir der Gedanke, dass wir es manchmal einfach zu gut mit ihnen meinen. Davon bin ich selbst nicht ausgenommen. Wir wollen, dass unsere Hunde mit anderen Hunden spielen können. Sie sollen genug Sozialkontakt haben, damit sie nicht leinenagressiv oder ‚asozial‘ werden, es soll ihnen gut gehen und an nichts fehlen. Aber nicht jeder Hund will den ganzen Tag draußen sein, toben und kommunizieren. Das ist sehr anstrengend für den Organismus. Wie fühlt man sich als Mensch nach einem zwölfstündigen Shopping Trip in der Innenstadt , einem Wochenendseminar oder einer Klassenfahrt? Es macht Spaß, aber jeden Tag muss man das wirklich nicht haben. Schon gar nicht wenn man eher der introvertierte Typ ist.

Ich habe einen Hund, der absolut nichts von übermäßigem Sozialkontakt hält und ich kenne viele Hunde, bei denen die konstante Gesellschaft so vieler Artgenossen negativen Stress auslöst. Sie liegen eher nah am Zaun und trauen sich nicht herumzulaufen, denn das würde die Anderen auf sie aufmerksam machen. Währenddessen sitzen ihre Besitzer im Büro und stellen sich ihren freudestrahlenden Hund beim Spielen vor.
Nach ein paar Monaten, die ich Kuma jeden Tag mit zur Arbeit nahm und wir meist 14 Stunden aus dem Haus waren, stellte ich Veränderungen in ihrem Verhalten fest. Früher hat sie Fremde schrecklich verbellt, besonders nachts. Jetzt: Nichts mehr. Sie heulte auch nicht mehr beim Autofahren, wie früher. Sie ging nicht mehr jagen. Verhaltensweisen, die ich nicht vermisst habe. Zunächst dachte ich nur, endlich ist der Köter mal ausgelastet!

 

Hunde werden heutzutage andauernd überfordert

 

Und das gilt eben nicht nur für Agilityprofis oder Zughundechampions.
Kommunizieren ist eben auch anstrengend. Sozialkontakt kostet viel Energie.

Denn Kuma spielte auch nicht mehr. Wenn ich morgens zur Arbeit aufbrechen wollte, versteckte sie sich unterm Bett. Sie war überdurchschnittlich müde. Auf dem Hof entwickelte sie ein fürchterliches ich-hasse-jeden-Verhalten am Zaun. Wenn ich sie irgendwo alleine lassen wollte, bellte sie bis ich wiederkam. Versuchte ich sie mit auf die Hundewiese zu nehmen, versteckte sie sich. Zwang ich sie, ging sie durch den Zaun und lief weg. Das Ganze ging über Monate und bald ließ ich sie einfach zu Hause, wo sie entspannt den Tag verschlief und abends mit mir rausging.
Ein schlechtes Gewissen bekam ich gratis dazu, denn ich wollte meinen Tag doch eigentlich mit ihr verbringen. Schließlich hatte ich extra einen Beruf ergriffen, der mir dieses Privileg erlaubte – und jetzt machte es dem Hund einfach keinen Spaß.

 

Warum denn so empfindlich?

 

Kuma ist ein sehr sensibler Hund, der nicht viel Sozialkontakt als Welpe hatte und dementsprechend schnell überfordert ist. Sie ist klein und hat Respekt vor größeren Hunden, denn leider sind die meisten Hunde dieser Welt nunmal größer als sie. Niemand hat sie dort je schlecht behandelt (sie ist anderer Meinung). Zazou der Straßenjunge, zeigte im Vergleich keine Veränderungen im Verhalten und war völlig unkompliziert. Er hat eben kein Problem mit einer größeren Menge an anderen Hunden und neuen Eindrücken. Dafür aber mit LKWs. So ist das Leben.

 

und jetzt?  sensible Hunde in Hundepensionen?

 

Wer also einen sensiblen Hund hat, sollte sich gut überlegen und ausprobieren, was für eine Fremdbetreuung er in Anspruch nehmen will und ob es für den Hund nicht eine bessere Alternative gibt. Vielleicht einen Gassi Service mit sehr kleinen Gruppen oder eine bekannte Person, die Mittags eine Runde mit Fifi spazieren geht. Oder macht es ihm womöglich gar nichts aus, ab und zu den Tag zu verschlafen? Reichen ihm vielleicht sogar zwei lange Ausflüge am Wochenende?

Auf jeden Fall muss es möglich sein, sich die Art der Betreuung zusammen mit seinem Hund erst mal anzusehen. Und ja, ich weiß, dass sensible Hunde sich in Anwesenheit ihrer Menscheneltern oft anders verhalten und selbstbewusster tun, als sie sind. Aber wenn der Hund auch nach 3 Stunden noch nach Löchern im Zaun sucht oder Panik bekommt , wenn Mutti sich ein paar Meter entfernt, sollte man noch mal in Ruhe drüber nachdenken und eventuell nicht mit dem Trend gehen. Natürlich kann und sollte man mit so einem Hund auch in kleinen Einheiten am Problem arbeiten. Aber ihn fünf Mal die Woche alleine in einen Auslauf mit anderen Hunden und fremden Menschen zu setzen und zu sagen “Los, hab jetzt Spaß” ist sicher nicht die Definition von Angstbekämpfung oder Akklimatisierung.

Sensible Hunde sind komplizierte Hunde. Als Besitzer müssen wir sichergehen, dass ihr Leben ihnen nicht über den Kopf wächst, sondern sie stärker macht.

 

 

Hast Du einen Hund, der sich ähnlich verhält? Denkst du jetzt darüber nach, was das Richtige für Deinen Hund ist? Hast du eine Geschichte über Dein Sensibelchen auf Lager?

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