Kürzlich führte ich ein Gespräch mit einem Hundehalter, der mir erklärte, warum er seinen Hund nach zwei Jahren abgeben möchte. In Gespräche dieser Art gehe ich neutral gestimmt und versuche mir zunächst ein klares Bild der Situation zu verschaffen. Es gibt immer einen primären Grund, warum man sich von seinem Tier trennen möchte. Ob es ein Beißvorfall war, die Trennung, ein neuer Beruf, Geldmangel usw. Die Liste ist lang.

Gründe die ich nachvollziehen kann, Gründe die mich wütend und/oder traurig machen und Gründe, für die es einfache Lösungen gibt.

In diesem Fall war der Hund zum zweiten Mal ausgebüchst und hat einen anderen Hund verletzt. Bereits nach dem ersten Vorfall wurden Maßnahmen getroffen. Der Zaun wurde höher gezogen, beim Gassi gehen mehr aufgepasst. So weit,so gut. Doch Houdini bahnte sich erneut seinen Weg. Wenn man nicht über den Zaun gehen kann, gräbt man sich halt unter durch. Das ist Scheiße, aber keine Überraschung für mich. Hunde die was wollen, finden Wege. Manchmal überlege ich, wie lange Ilva wohl bräuchte um den Ausweg zu finden, wenn ich sie in einem Labyrinth aussetzen würde. Sie würde entweder das System knacken oder das ganze verdammte Labyrinth zerstören, bis kein Stein mehr auf dem anderen steht. Kein Zaun ist zu hoch, wenn die Liebe zur Freiheit keine Grenzen kennt oder der Auftrag groß genug ist.

Ohne Hundehalterhaftpflicht würde ich gefährlicher Leben, als ich es ohnehin schon tue. Ein einfaches Mittel, um den kurzfristigen finanziellen Ruin auszuschließen.

Die Halter waren bedrückt und sahen das Problem in der Tatsache, dass der Hund während der Arbeitszeit alleine auf dem Grundstück sein muss. Bei einer Familie mit viel Zeit hätte er es wohl besser und nach dem letzten Vorfall liegen die Nerven blank.Ich kann die angekratzten Nerven verstehen. Es ist ein scheiß Gefühl, wenn dir die Fäden aus der Hand gleiten und dein Hund einen anderen verletzt. Das ist peinlich, unangenehm, traurig und verletzend. Man möchte es am liebsten ungeschehen machen und fühlt sich schuldig. Man hat Mitleid mit dem Hund und Halter, findet kaum die richtigen Worte und im schlimmsten Fall wird das eigene Zuhause zum Schandfleck der Nachbarschaft. Der Ort, an dem die Bestie lebt. Da wo die Leute kopfschüttelnd vorbei gehen. So abgedroschen es klingen mag, aber solche Dinge passieren.

Dinge die nicht passieren dürfen, geschehen trotzdem. Wir können uns zum Mond schießen oder die Falten mit Botox verschwinden lassen, aber wir werden niemals alleiniger Regisseur des Drehbuches unseres Lebens sein.

Was wir in der Hand haben ist allerdings der Umgang mit den Dingen, unsere innere Haltung.

Ich habe schon Hunde über Zäune gehen sehen, denen ich nicht mal „mach Männchen“ zugetraut hätte. Man kann nicht alles vorhersehen oder alles vermeiden. Aber man kann seinen Hund ausreichend versichern. Wenn man dann entscheidet den Hund wegzugeben, tröstet man sich gerne mit dem „besseren Ort“ an dem der Hund leben könnte. Bei Menschen, die in einem Hochsicherheitstrakt wohnen, wo abertausende von Zertifikaten an den Wänden hängen, die belegen, dass sie die besten Hundeversteher des Landes sind. Diese typischen Übermenschen, die man sich gerne in der Fantasie ausmalt. Das Umfeld wird den Schandfleck wieder als trautes Heim betrachten, in dem Menschen wohnen, die verantwortungsvoll die Verantwortung abgegeben haben. Auch wenn es einem das Herz bricht, für den Hund wird es wohl das Beste sein. Denn einen Maulkorb tragen soll er nicht und es wäre doch auch fies ihn einzusperren. Man gibt die Entscheidung ein Stück weit ab und retuschiert alle egoistischen Beweggründe, indem man vermeintlich zum Wohle des Tieres handelt.

Doch woanders ist es nicht immer besser.Kehren wir zurück in die Realität.

Es gibt kaum Menschen, die nach einem Hund suchen, der ausbricht um andere zu verletzen. Eigentlich gibt es da genau genommen niemanden, der explizit nach so einem Hund sucht. Und wenn, dann wären es wohl die Letzten, denen ich so einen Hund vermitteln würde.Und was ist eigentlich mit dem Hund? Der würde niemals sagen, dass er gerne umzieht, weil er ein besseres Leben führen möchte. Der hat gerade erst das Abenteuer seines Lebens erlebt und träumt wahrscheinlich noch davon, wie er sich voll krass durchgegraben hat um in die Schlacht zu ziehen. Woanders wird es nicht besser. Der Fall sieht nämlich wie folgt aus: der Hund hat eine Vorgeschichte, meine Empfehlung wäre definitiv diesen Hund mit Maulkorb zu führen und nicht unangeleint laufen zu lassen. Es gibt selten arbeitslose reiche Menschen, die ihr Grundstück meterhoch und mit Untergrabschutz einzäunen, um dort den ganzen Tag den Hund zu beobachten. Auch im neuen Zuhause werden Leute wohnen, die arbeiten müssen. Dort wird er vielleicht gar kein Grundstück mehr haben. Dort ist der Hund ein Fremder, man muss lernen ihn einzuschätzen und wird vorsichtig sein. Er wird mit Sicherheit ein Maulkorbträger, ein Hund der lernt, in einer Box zu sein oder in einem Zwinger. Man wird tunlichst darauf achten, dass er nicht nochmal ausbricht.

Man möchte dem Hund Maßnahmen ersparen, die kein Gewicht im Vergleich zu einer Abgabe haben. Manchmal muss man selber in den sauren Apfel beißen und ihn nicht unter dem Deckmantel der Vernunft einfach weiterreichen.

Ein geeignetes Zuhause für Hunde mit Themen (also Hunde, die sich wie Tiere benehmen) zu finden, ist übrigens wie ein 6er im Lotto. Im Internet kriegt man nämlich sehr süße Welpen, die noch nicht mal einen Treppenabsatz überwinden und mit einer Beschreibung ausgezeichnet sind, die selbst Walt Disney übertrifft. Genau so ein süßer Welpe war der Houdini auch mal.

Vom Treppenabsatz zur Skyline und dann ins Tierheim. Das ist kein fairer Werdegang.

Manchmal macht man es sich zu leicht.

Denn hier geht es darum die Verantwortung zu tragen. In guten, wie in schlechten Zeiten. (Ich seh‘ in dein Herz, sehe gute Zeiten, schlechte Zeiten..für den Ohrwurm könnt ihr mir später danken)

Abhilfe wäre bereits mit einem guten Maulkorbtraining und einem Zwinger geschaffen. Einer mit Dach, aus dem man sich nicht herausgraben kann. Mit einer gemütlichen Hütte. Denn wer nicht kann, der muss auch nicht. Vielleicht sehen das auch die Nachbarn und wenn da ein Mensch mit den richtigen Augen vorbeiläuft, wird er sehen, dass hier wirklich Verantwortung getragen wird. Dass dort Menschen leben, die sich nicht einfach einen Hund gekauft haben, sondern verinnerlicht haben, dass man zeitlebens für das verantwortlich ist, was man sich vertraut gemacht hat.

Und zwar auch in schlechten Zeiten oder gerade dann.

Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht und glaubt versagt zu haben. Aber anstatt sich mit dem Gedanken „woanders hat er es besser“ zu trösten, sollte man wenigstens versuchen selber das „Woanders“ zu sein und es besser zu machen.

Und zu guter Letzt geht Sicherheit immer vor, also versichert eure Hunde gut und ausreichend mit der passenden Hundehalterhaftpflicht. Es geht schneller als man denkt und wir als Otto Normalhundehalter, haben ja eh schon keine Kohle.

3 Replies to “Schweren Herzens

  1. Wahnsinn wie gut du schreiben kannst. Ich bin wirklich beeindruckt und sehe, durch deine Texte, ganz anders das Thema Hund..

    Liebe Grüße der Dackel und die Halterin
    Grüße aus der Klinik. Gute Besserung Steffi & Jeffrey

    1. Hello Steffi!
      Oh, vielen, vielen Dank ♥️ Es freut mich sehr, von dir zu lesen! Ganz liebe Grüße an dich & natürlich Jeffrey! Bis bald, wenn ich endlich wieder gesund bin!!

  2. Genau das denke ich auch. Mein Seelenhund ist passionierter Jäger, alles Training hat nichts gebracht. Und selbst wenn, ist mein Vertrauen weg und ich hab Zuviel Angstihn los zu lassen. Aber er bleibt, für immer, halt an der Leine. Aufgeben ist keine Option

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