Nicht-Hundemenschen halten mir oft vor, gemein zu meinen Hunden zu sein. Zum Beispiel wenn sie mich anbetteln während ich esse und ich gerade keine Lust habe ihnen etwas abzugeben. Dann schicke ich sie auf ihren Platz. Ich sage also “Geh auf deinen Platz”. Ich sage es neutral, bestimmend und in dieser gewissen Tonlage, von der meine Hunde wissen, jetzt meint sie’s ernst.

“Sei doch nicht so gemein!”, kommt dann von Freunden oder Familie. “Hast du sie denn gar nicht lieb? Sie wollen doch nur bei dir sein!”

Ne, die wollen mein Essen.

Ich bezweifle, dass einer meiner Hunde überhaupt länger als zwei Sekunden enttäuscht ist, weil ich ihn gerade weggeschickt habe. Wahrscheinlich denken sie sich nur “Na gut, ich versuch‘s heute Abend nochmal”.

Wenn ich die Kläger dann frage, ob ich den Hunden vielleicht jedes Mal einen Beschwerdebrief zukommen lassen soll, wenn sie sich daneben benehmen, kommt meist keine Antwort.

Ich weiß nicht wie man darauf kommen könnte, ich würde meine Hunde nicht abgöttisch lieben. Schließlich sind sie mein ganzes Leben. Wir verbringen beinahe jede Minute zusammen. Aber sie sind eben keine Menschen, sondern Hunde.

Und sie verstehen nun mal “Geh auf deinen Platz” und nicht “Würdest du bitte mal einen Augenblick da rüber gehen Schatz, ich kann gerade nicht”. Ich bin gewissermaßen ihre Erziehungsberechtigte und sie erwarten in erster Linie, dass ich ihnen sage, wo es langgeht., dass ich ihnen Futter verschaffe und sie vor Schaden bewahre. Kuscheln und Streicheln wollen sie erst danach.

WENN SIE MAL GEWALTTÄTIG WERDEN, IST DAS BESTIMMT NICHT DARIN BEGRÜNDET, DASS ICH IHNEN ZU WENIG ZUWENDUNG ANGEDEIHEN LASSE.

Müssen wir Hunde eigentlich so sehr mit Liebe überschütten? Ist dieses menschliche Konzept für sie wichtiger, als alles andere? Ich glaube es hilft ihnen absolut nicht weiter, vor allem nicht, wenn es über das gesunde Maß hinausgeht. Es gibt Hundehalter, die ihren sowieso schon verfetteten Tieren aus purer Liebe immer noch mehr Käse zwischen die Zähne stopfen. Menschen, die ihrem Hund ununterbrochen mit Wasser und Handtuch hinterherrennen oder ihn den ganzen Tag zutexten und ihm damit fürchterlich auf die Nerven gehen. Oft sehe ich auch die Halter, deren Hunde bei 15 Grad Plus einen gefütterten Overall anhaben und fürchterlich hecheln.

ODER MENSCHEN, DIE IHREN HUND NUR ADOPTIERT HABEN, WEIL ER IHNEN SO LEID TAT, OBWOHL ER ÜBERHAUPT NICHT ZU IHREM LEBENSSTIL PASST.

“Mein Hund ist 16 Stunden am Tag allein zu Hause, aber er weiß doch, dass ich ihn liebe”. Man kann einfach alles mit Liebe oder Mitleid entschuldigen. Es bringt bloß niemanden weiter.

Denn wir gehen automatisch davon aus, dass unser Hund uns ja genauso lieben muss, wie wir ihn. Schließlich hat er ja alles was er braucht. Wir geben viel Geld für ihn aus, sein Körbchen ist weich und er bekommt das teuerste Futter. Er darf machen was er will. Währenddessen wünscht der Hund sich eigentlich nur eine Bezugsperson die ihm Grenzen aufzeigt, damit er sich an ihr orientieren kann. Schlägt er dann über die Stränge, jagt die Nachbarskatze und beißt den Hund von unseren Freunden, sind wir enttäuscht und verstehen ihn nicht. Wie kann er uns nur so in den Rücken fallen. Ist er denn nicht dankbar, dass wir ihn aufgenommen haben?

Enttäuschte Liebe macht Menschen ungerecht, frustriert und wütend.

Das kann ein Hund nicht verstehen. Solche übermäßigen emotionalen Reaktionen verunsichern ihn eher stark und er weiß noch weniger, woran er sich halten soll. Die “Problemhund-Todesspirale” dreht sich weiter bergab.

Gerade ein Hund, der eben erst im neuen zu Hause angekommen ist, ist nicht sofort in der Lage, unsere Liebe zu erwidern. Besonders nicht, wenn er aus Verhältnissen kommt, in denen es bisher keine Küchengeräte und Klospülungen gab. Er hat dann erst mal genug zu tun. Alles was er bisher kannte ist plötzlich Vergangenheit und er muss nun verstehen, was gerade mit ihm passiert. Besonders bei Hunden die aus dem Tierschutz adoptiert werden, fällt es den neuen Besitzern schwer zu verstehen, dass Liebe nicht immer Berge versetzen kann. Durch die Vermenschlichung des Hundes, erwaten wir, dass der Hund uns gegenüber Liebe genau so zeigt, wie wir sie ihm zeigen würden. Man muss sich eher darauf gefasst machen, dass es Hunde gibt, die die neue Situation zunächst hassen. Wir nerven ihn schließlich, sperren ihn ein, wickeln ihm eine Schlinge um den Hals. Er hat vielleicht sogar Angst vor uns. Wir wollen ihn am Liebsten andauernd anfassen. Gut, dass Hunde so flexibel sind und sich schnell an neue Umstände gewöhnen. Aber “schnell” ist hier relativ. Das kann schon mal ein Jährchen dauern.

Das Problem tritt natürlich nicht nur bei Tierschutzhunden auf.

Gerade der kleine süße Welpe, der neu ins Haus kommt, wird meist “zu Tode geliebt”. Auch er braucht in den ersten Wochen viel Zeit und muss lernen sich zu entspannen. Erziehung muss leider auch sein, wenn der Hund noch klein und niedlich ist. Dann muss man sein Verhalten auch später nicht entschuldigen (“Er ist doch noch so jung”, “Er hat gerade eine schwierige Phase”, “Die spielen doch nur” oder auch: “Er beißt mir nur in den Arm, weil er es so lustig findet”.

Wer einen Hund mit einem echten Problem, einer Angststörung oder aggressivem Verhalten adoptieren will, kann nicht erwarten, dass sich alle Themen des Hundes plötzlich in Luft auflösen, nur weil Herrchen/Frauchen ja jetzt da ist und den Neuankömmling so sehr liebt. Der neue Hund wird zunächst nicht “dankbar” sein, soweit ein Hund das denn kann. Das von ihm zu erwarten ist unfair. Er braucht Halt, Grenzen und natürlich auch Verständnis, aber kein Mitleid. Mitleid macht die Stimmung dunkel und lastet auf dem Menschen und dem Hund wie ein schweres Gewicht. Er wird als Opfer dargestellt, denn “er ist ja aus dem Tierschutz und hat wer weiß was für schreckliche Erfahrungen gemacht.”

Besonders die Vermittlungstexte diverser Tierschutzwebsites erweckt häufig den Eindruck, der neue Mitbewohner brauche nur genug Liebe und Zuneigung, dann würde das schon alles wieder werden. Und was mache ich mit dem Hund, wenn er auf den nächstbesten Artgenossen losgeht? Ihn nett bitten, damit aufzuhören, wird sicherlich nichts bringen.

WER DIE GANZE ZEIT NUR IN MITLEID SCHWELGT, HAT DEN KOPF NICHT FREI UM DEM HUND WIRKLICH ZU HELFEN, SEIN VERHALTEN ZU ÄNDERN.

Wenn ihr also den nächsten Hund seht, bei dem die Leute euch verkaufen wollen, dass sein Verhalten ja nur in ungenügender Liebe begründet liegt, denkt nochmal drüber nach. Denn so einfach wird es mit Sicherheit nicht.

Ihr kennt eine Geschichte, die zum Thema passt? Schreibt sie in die Kommentare!

*Danke an Die Ärzte für den passenden Titel

One Reply to ““Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe?””

  1. Manchmal ist man als Hundehalter “liebende Mutter/ liebender Vater”. Und manchmal ist man aber auch der “böse Boss”. Es kommt auf die Situation drauf an. Es gibt Momente, da weiß ich, mein Köterli braucht jetzt viele Streicheleinheiten und dann gibt es Momente, wie gerade eben, als ich deinen Artikel las, da musste ich ihn in seine Schranken verweisen, weil er meine Ablenkung nutzte, in der Küche was zu futtern abzustauben. Hunde stammen ja bekanntlich von Wölfen ab – auch wenn es absolut keine Wölfe mehr sind (!!!!) – und dementsprechend brauchen sie die strenge Hierarchie. Sie müssen lernen, wo ihr Platz ist. Das ist mal neben mir, mal vor mir aber in den meisten Fällen ist das hinter mir. Basta. Und wenn der Hund der Meinung ist, er bräuchte jetzt unbedingt den leckeren Pizzarand, sonst stirbt er, kriegt das Tölchen erst recht nichts ab 🤷

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