Hundehalter diskutieren und debattieren oft stundenlang über Erziehungstechniken und neuste wissenschaftliche Erkenntnisse hierzu. Es wird verglichen was bei wem am besten funktioniert hat.
Es geht um Leinenführigkeit, diverse Kommandos und oft um die ganz allgemeinen Ansprüche an unsere Hunde.

Manchmal hängt es mir wirklich zum Hals raus. Ehrlich gesagt, nicht nur manchmal.
Wenn ich höre, was wir Menschen alles von den Tieren verlangen, frage ich mich oft, was wir eigentlich können? Oder für wen wir uns eigentlich halten.

Sagen wir mal Susi macht eine Diät, die Zehnte, denn jeden Montag isst sie doch das Stück Kuchen und hält sich wieder nicht an die von sich selbst aufgestellten Regeln.
Peter wurde schon oft geblitzt, seiner Frau hat er versprochen jetzt langsamer zu fahren, doch dann kam der Tag, als er seinen Wecker wiedermal überhörte und er musste das Versprechen brechen.
Wie vielen Kindern dieser Welt haben wir schon unzählige Male erzählt, dass die Herdplatte heiß ist und wie viele Menschen, die das hier gerade lesen, erinnern sich jetzt an den Schmerz zurück?

Wir schaffen es oft nicht mal uns an unsere von uns selbst aufgestellten Regeln zu halten, die in unserer Sprache verfasst und daher leicht nachvollziehbar sind. Wir kriegen die einfachsten Dinge nicht hin. Und dann wollen wir unseren Tieren authentisch verkaufen, dass wir die Helden der Nation sind. Und sie uns ruhigen Gewissens folgen können, weil wir die Lage schon im Griff haben. Das sieht man ja auch andauernd auf den Hundewiesen, diese souveränen, ruhigen Hundebesitzer.  Wie sie sich untereinander in nettem Ton verständigen, ihre Tiere lesen können und somit immer rechtzeitig eingreifen und ihre Hunde wenn es darauf ankommt, beschützen. Oder sie einfach mal Dinge klären lassen. Wir fressen also das zwanzigste Stück des Kuchens und wenn Bello das zehnte Mal den Mülleimer ausräumt, weil er es halt kann, dann ist das gefühlt eine der sieben Todsünden.

Wäre ich ein Hund, würde ich jeden Tag den Mülleimer ausräumen.

Ich erinnere mich an meine Schulzeit und all die Regeln die ich perfekt auswendig lernte, nur um sie besser brechen zu können. Meine Lehrer waren für mich Witzfiguren, die den Sinn des Lebens verfehlt haben. Nicht alle, aber die Meisten. Ich konnte sie nicht ernst nehmen und fühlte mich überlegen. Sie mochten in vielen Dingen Recht haben, aber nur weil jemand Dinge umsetzt und wiedergibt, die er in einem Buch gelesen hat, orientiere ich mich noch lange nicht an dieser Person.

Ich bin gegen die Vermenschlichung von Hunden, aber da wir dies oft tun, habe ich mich der vorangegangenen Beispiele bedient. Warum nicht mal in die andere Richtung denken?

Aber zurück zu unseren Hunden. Ich persönlich bin absolut kein Freund von *Hilfsmitteln.

Für den ein oder anderen mag es die ultimative Strategie sein, für mich hat es in der Arbeit mit meinen Hunden nichts verloren. Ich nutze weder *Futterdummies noch *Clicker oder *Hundepfeifen.
Dafür bin ich einfach nicht der Typ. Ich würde mich nicht wiedererkennen, meine Hunde würden wohl einen Exorzisten für mich rufen.

Vor kurzem bemerkte eine andere Hundehalterin voller Überzeugung, dass ich wirklich nicht viel von meinen Hunden, Ilva und Buri, erwarten würde. Darüber habe ich nachgedacht und musste am Ende ziemlich Schmunzeln.

Buri ist gerade mal 5 Wochen hier. Er hat nie gelernt, an der Leine zu laufen. Er hat Menschen gebissen und damit Erfolge erzielt. Morgen wird er zwei Jahre alt und hat bis jetzt drei Vorbesitzer und einen Aufenthalt im Tierheim hinter sich. Ilva ist seit Oktober bei mir. Sie hat Tiere gejagt und gefressen und einen kleinen Hund schwer verletzt. Insgesamt fünf Vorbesitzer und einen Aufenthalt in einer vermeintlichen ‚Auffangstation‘ für Wolfshunde liegen hinter ihr. Im Februar wurde sie auch gerade mal zwei Jahre alt. Ich würde sagen, dass meine Hunde einen langen Weg hinter sich haben. Sie haben viel gesehen, viel erlebt. Viel Schönes und Schlechtes. Und das, obwohl beide noch so jung sind.

Versteht mich bitte nicht falsch, ich bemitleide die beiden Biester nicht. Kein Stück. Sie haben jetzt ein gutes Leben. Aber woher sollen sie das denn wissen? Und wie könnte ich ihnen ein gutes Leben ermöglichen, wenn ich versuchen würde, sie zu brechen? Ich mag sie ja auch so, wie sie sind. Mit allem, was dazu gehört.

Die beiden sind Teenager, die, die immer in der letzten Reihe saßen und die Hausaufgaben mit Absicht nicht gemacht haben. Außerdem haben sie auch die Turnhalle angezündet und einen Lehrer verprügelt. Und jetzt sind sie plötzlich in dieser komischen neuen Schule. Es gibt hier ziemlich viele neue Regeln und Tabus, die es vorher nicht gab. Warum sollten zwei Rebellen der ersten Stunde sich jetzt plötzlich an den Tisch setzen, einen Clickertanz aufführen und danach gemeinsam eine Präsentation über Frustrationstoleranz halten? Das sind sie nicht und das werden sie niemals sein. Zum Glück. Das würde dem Image unserer kleinen Straßenbande erheblich schaden.

Und trotzdem dürfen jetzt keine Gebäude mehr angezündet werden und auch die Lehrer sollen nicht verprügelt werden, auch wenn es ihnen Spaß macht.

Für Ilva und Buri heißt das, es werden nicht wahllos Hunde oder Menschen angegriffen, ob angeleint, im Freilauf oder Zuhause. Außerdem ist die Wohnungseinrichtung kein Ventil für Ilvas  gescheiterte Rockstar Karriere, die Leine wird nicht ständig durchgebissen, man muss alleine bleiben, ohne laut zu protestieren, man darf Menschen auch nicht um die Ohren fliegen, der Mülleimer ist kein Fressnapf, die Toilette ist kein Trinknapf, Kinder darf man nicht jagen, Treppen gehen ist nicht tödlich, an der Leine orientiert man sich an Blondie, drei wichtige Kommandos:  Schluss jetzt, Stop und Hier, die muss man sich merken, in der Wohnung ist Ruhe.

Ich finde das sind ziemlich viele Dinge, die, die beiden Rabauken jetzt lernen müssen. Dinge, die Zeit brauchen. Als Buri kam ist mir erst so richtig deutlich geworden, wie weit ich mit Ilva in kürzester Zeit gekommen bin. Sie beißt keine Leinen mehr durch, sie lässt sie Wohnung heil und kann ruhig alleine bleiben, bis zu sechs Stunden und nachts. Ich hätte nicht im Traum daran geglaubt, dass das eines Tages überhaupt mal möglich sein wird. Außerdem kann ich sie ungesichert in einem Raum lassen, den sie heil lässt. Ich könnte vor Freude schon weinen, während ich das hier schreibe. Menschen, für die das selbstverständlich ist, können es wohl kaum nachvollziehen.

Ich finde es süß, wenn Menschen mich belächeln und mit ihrem wohl erzogenen Hund gediegen über die Straße schlendern, während ich mit dem Maulkorbgeschwader um die Ecke geprescht komme.

‚Gehen Sie doch mal ein eine Hundeschule‘

‚Halt doch einfach mal die Fresse‘

Ich freue mich darüber, dass Ilva nicht mehr die Leine durchbeißt und Buri sich nicht umdreht, wenn es ihm zu viel wird. Ich weiß, woher die beiden kommen und wohin ich mit ihnen gehen möchte. In einem fairen Tempo, für alle Beteiligten.

Meine Hunde sollen sich gerne an mir orientieren.
Nicht, weil ich sie mit Futter manipuliere oder ihnen das Lied vom *Clicker vorspiele, sondern weil ich es mir erarbeitet habe. Jeder hat so seine eigene Methode. Ich habe nichts gegen *Clickern oder *Dummies, das ist meine subjektive Sicht.

Und ich erwarte nicht viel von meinen Hunden?
Ich denke ich erwarte viel mehr von ihnen, als so manch anderer.

Sie dürfen und sollen für immer sie selber sein. Ich möchte aus ihnen keine 1er Schüler machen, die veganes Pausenbrot dabei haben und Probleme mit Klangschalen lösen. Ich schätze sie für das, was sie sind. Mit allen Ecken und Kanten oder vielleicht genau deswegen. Natürlich schicke ich sie auch manchmal zur Hölle, aber nur um sie dann dort mit offenen Armen zu empfangen.

Meine Hunde übertreffen meine Erwartungen andauernd. Sie absolvieren ihre Aufgaben oft mit Bravour und ich bin verdammt stolz auf sie.

*Ich habe nichts gegen Hilfsmittel und für bestimmte Sparten, sind sie sicher sehr hilfreich. Trotzdem mache ich gerne Witze über Clicker. Nehmt’s mir nicht übel. Danke.

One Reply to “Müssen, tu’ ich gar nichts!”

  1. Vielen Dank für diesen ehrlichen Bericht. Wir haben einen 2,5 Jahre jungen Australian Shepherd – der “furchtbarste” Welpe und Junghund, den ich jemals kennen gelernt habe. Eine Herausforderung für Kleidung, Möbel , Umwelt und die Seele. Heile Welt vorgestellt und das Gegenteil erhalten. Frohen Mutes und voller Hoffnung 2 Hundeschulen besucht- Nr. 1″ Ihr müsst durchgreifen! ” Nr.2 ” Ihr solltet Lavendelöl zur Entspannung für den Hund versuchen” Wir haben uns dann dazu entschieden, unseren Weg ohne” Hundeexperten” zu begehen – wahrscheinlich die bessere Lösung für uns und unseren Hund. Er ist noch immer in bestimmten Situationen ein Hibbel und braucht Zeit zu Entspannen, aber- er jagt keine Kinder, Radfahrer oder Wild, wie viele unserer ” super trainierten” Hundefreunde. Und er kommt zurück, wenn er gerufen wird. Wir sind auf einem guten Weg, der sicher noch lange dauern wird. Wir haben verstanden, dass jeder Hund ein Unikat ist und Vergleiche niemandem nutzen. Wir lassen uns nicht mehr verrückt machen , von Tipps was der Hund können muss- er darf auch einfach mal sein, was er ist- ein Hund mit Charakter, Ecken und Kanten.

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