Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, dann denke ich gerne an die überragenden Kochkünste meines Vaters zurück. Er ist zwar ein gewöhnungsbedürftiger Mensch, aber keiner kann besser Fleischgerichte kochen, als er. Dieses geschmacklich einzigartige Erlebnis ist der Tatsache geschuldet, dass er Jäger ist. Mein Vater stammt aus einem kroatischen Dorf, dort leben die Menschen sehr naturverbunden und nehmen die meisten Dinge selbst in die Hand. Dinge, die wir längst nicht mehr selber machen, weil es einfachere Wege gibt. Auch ihre Lebensmittel produzieren sie zu großen Teilen selber. Ob es der Gemüseanbau ist, der selbst gebrannte Schnaps(ist auch ein Lebensmittel) oder eben die Jagd.

Ich lernte schon früh, dass hinter dem Fleisch auf meinem Teller mehr steckt, als eine Plastikverpackung und 2,95 EUR an der Supermarktkasse.

Schon als Kind begleitete ich meinen Vater bei der Jagd und sah mit eigenen Augen, wie die Tiere erschossen und anschließend verwertet wurden. Alles in Allem ist es ein sehr großer Aufwand. Für mich war das Szenario natürlich und irgendwie vertretbar. Die Tiere mussten keine Sekunde unnötig leiden und hatten ein schönes Leben in Freiheit. Ein guter Jäger knallt nicht wahllos irgendwelche Tiere ab oder tötet zum Spaß. Genau so wenig schießen richtige Jäger auf die Mutter von Bambi. Macht doch auch keinen Sinn, dann würde Bambi sterben und das würde nun wirklich niemandem weiterhelfen. Auch Jäger haben Herz und Verstand. Sie schätzen Tiere, denn ohne sie, würden sie nicht überleben. Heutzutage vielleicht schon, damals aber nicht. Es gibt bestimmt auch Jäger, die an dem Sinn der Jagd vorbeirauschen, aber über die rede ich hier nicht. Die Tiere werden meist komplett verwertet und nichts wird einfach weggeworfen. Das Fell wird aufbereitet und die Abfälle enden als Tierfutter.

Ich behaupte mal ganz frech, dass jemand der in seinem Leben bisher nur kommerziell hergestelltes Fleisch gegessen hat, eigentlich gar nicht weiß, wie Fleisch wirklich schmeckt.

Als ich älter wurde, beschloss ich irgendwann vegetarisch zu leben. Zum Teil sogar vegan, aber das habe ich nicht lange durchgehalten. Das Fleisch was mein Vater selbst erlegte, aß ich trotzdem noch. Da wusste ich wo es herkommt und was dahinter steckt. Allein die Tatsache, dass ich mir darüber im klaren bin, wie das Tier was ich esse ausgesehen hat und ich einen Zusammenhang zwischen dem Stück Fleisch und einem plüschigen Reh herstellen kann, lies mich trotz des Fleischkonsums mit mir selbst im Reinen sein. Ich habe ein großes Problem mit Massentierhaltung und der Tatsache, dass heute keiner mehr weiß, woher das Fleisch eigentlich kommt.

An der Stelle möchte ich kurz erwähnen, dass auch Fleisch in den meisten Fällen mal Fell hatte. Da stellt sich mir schon die erste Frage: ist es moralisch wirklich vertretbarer Fleisch aus der Massentieraltung zu konsumieren, als einen Pelzmantel zu tragen?

Kann man pauschal sagen, dass es den Tieren auf Pelzfarmen schlechter geht, als denen, die in der Massentierhaltung ‚leben‘? Oder ist es einfach leichter auf den Pelzträgern herumzuhacken? Fleisch zu essen ist gesellschaftlich nicht wirklich verwerflich, das machen schließlich fast alle, aber Pelz tragen, das tun im Vergleich eher wenige. In Plastik verpackte Leichenteile lösen selten Hass oder Mitgefühl aus. Auf den Verpackungen sind meistens nette Bilder, die mit der Realität, wie wir alle eigentlich wissen, nichts zu tun haben. Sobald es aber tierischer aussieht, wie z.B. ein Pelzmantel es tut, schalten sich unsere Gehirne wieder ein. Das geht gar nicht. Wie grausam. Ähnlich sieht es bei Leder aus, da hat auch keiner ein Problem mit. Wer denkt schon an die Haut eines geschundenen Tieres, wenn er sich seine neuen Winterstiefel anzieht? Oder den Geldbeutel an der Kasse zückt?

Ich würde mir niemals aus freien Stücken einen neuen Pelzmantel kaufen.

Ich bin gegen Pelzfarmen und die Massenproduktion. Meinen Mantel hat mir eine sehr gute Freundin geschenkt, diese wiederum hatte ihn vor Jahren auf einem Flohmarkt erworben. Natürlich hätte ich den Mantel auch entsorgen können anstatt ihn zu tragen, aber wem hätte ich damit jetzt geholfen?

Ich hätte dann allen erzählen können, dass ich ein wirklich guter Mensch bin und etwas gegen die Pelzfarmen unternommen habe, indem ich einen Mantel entsorgte. Das ergibt zwar keinen Sinn, aber ich bin sicher, alle hätten es befürwortet ohne zu hinterfragen.

Durch das nicht – tragen des Mantels, hätte ich weder ein Tier gerettet, noch irgendetwas gegen eine Pelzfarm ausgerichtet. Lediglich hätte ich mich selbst belogen und der Allgemeinheit vielleicht das Gefühl vermittelt, eine wunderbare Tierschützerin zu sein.

Ich mag den Mantel, er ist viel wärmer als all meine anderen Winterjacken, die wahrscheinlich kleine arme Kinder produziert haben. Vielleicht sind diese Kinder jetzt schon tot, weil ihr Lohn nicht zum Überleben ausreichte. Aber darüber reden wir ja nicht, dann müssten wir uns nämlich alle mal an die eigene Nase fassen. Außerdem sind das ja nur Menschen, die da vor die Hunde gehen. Keine armen Tiere. Warum sind so viele Leute die sich für den Tierschutz engagieren eigentlich so menschenfeindlich? Da Kinderarbeit und Krieg in fernen Ländern zu unserem Alltag gehören, ist es auch gar nicht mehr so schlimm. Wir lesen tagtäglich davon in Zeitungen, spenden ein Mal im Jahr zu Weihnachten und füttern unser schlechtes Gewissen damit satt. Da macht sich keiner mehr Gedanken drüber. Auch traurige Tierschutztexte und grausame Bilder von geschundenen Tieren, werden gerne auf Facebook geteilt. Was für eine heroische Tat. Da kann man sich abends beruhigt die chicken wings in den Ofen hauen und sich in dem fancy H&M fake fur Pullover auf’s Sofa pflanzen und bei RTL2 zuschauen, wie andere Menschen gedemütigt werden. Haha, die sind ja alle so fett, asozial und dumm. Und dann gehen sie auch noch ins Fernsehen, also nee, das ist echt urkomisch.Da ist man erleichtert, dass man selber so ein vorbildliches Leben führt und sich wirklich nichts vorzuwerfen hat. Oder?

Würden wir alle ein bisschen mehr vor der eigenen Haustüre kehren, dann wäre die Welt ein bisschen sauberer. Uns aber gegenseitig mit dem eigenen Dreck zu bewerfen, macht das Ganze nicht unbedingt besser.

Natürlich finde ich es ebenso okay, wenn jemand die Vorstellung widerlich findet, Tierfell zu tragen. Ich schätze vegan lebende Menschen und bewundere ihr Durchhaltevermögen. Am liebsten sind mir die, die auch andere Lebensstile akzeptieren und verstanden haben, dass Druck nur Gegendruck erzeugt.  Außerdem finde ich sie viel authentischer, da ich glauben kann, dass sie aus Überzeugung auf tierische Produkte verzichten und nicht, weil sie damit irgendwas kompensieren und sich nur auf Kosten anderer besser fühlen können.

Aufklärung und Verurteilung sind zwei verschiedene paar Schuhe.

Würden wir uns nicht an einigen Stellen selbst belügen, dann würden wir unsere heutige Welt gar nicht mehr ertragen. Die menschliche Psyche ist komplex und bewahrt uns oft vor der Realität. Wir verschließen alle ein Stück weit die Augen vor den vielen grausamen Dingen, die in unserer Welt so vor sich gehen. Aber in dem Verurteilen Anderer sind wir gut. Würde ich mich dafür einsetzen wollen, dass keiner mehr Pelz trägt, würde ich versuchen richtig coole fakefur Jacken zu produzieren. Am besten so, dass in der kompletten Produktionskette kein Mensch oder Tier unfair behandelt wird. Diese würde ich dann Pelzträgern nahe legen. Oder ich würde einen Blog schreiben. Einen der über die Missstände der Pelzproduktion aufklärt.

Ich würde sogar so weit gehen, eine Pelztauschbörse einzurichten, damit die Menschen sich keine neuen Pelze mehr kaufen und Untereinader tauschen können.

(Irgendwie ist das echt keine schlechte Idee, ich sollte darüber nachdenken…)Wisst ihr, ich möchte einfach jeden dazu anhalten mal in sich zu gehen und zu überlegen, was man wirklich tun kann um unsere Welt ein Stück besser zu machen. Um anderen zu helfen und einen Beitrag dazu zu leisten, Leid anderer Lebewesen zu minimieren. Ich möchte wetten, wenn jeder ehrlich zu sich selbst ist, dass die Antwort: ‚Andere auf ihre Fehler hinweisen und fertig machen, damit ich mich besser fühle‘, bei keinem aufkommt. Ich arbeite seit 12 Jahren ehrenamtlich für das rote Kreuz, besuche mit meinen Hunden, heute nur noch mit meinem Hund, das Altersheim in dem meine Oma lebt und lasse die Bewohner dort mit den Tieren Zeit verbringen. Außerdem habe ich schon mehrfach Tiere aufgenommen, die sonst keiner mehr haben wollte. Und trotzdem bin ich nicht Mutter Theresa. Aber ich versuche wenigstens ein bisschen zu helfen. Zumindest soweit ich kann.Ich bemühe mich meinen Blick für die Realität nicht zu verlieren, auch wenn es bedeutet, selbst nicht fehlerfrei zu sein und sich regelmäßig an die eigene Nase fassen zu müssen.

Es tut mir nicht leid, dass ich  nicht in eine Schublade passe und mein Äußeres wohl nicht zu meinem Inneren passt.

Pelzmantel

Das Bild, was Menschen von Mitmenschen basierend auf Oberflächlichkeiten im Kopf haben, ist oft fernab von der Realität. Das was wir über andere denken und wie wir sie behandeln, sagt immer mehr über uns aus, als über die betreffenden Personen. Ungemütlich, aber wahr. Wenn ich ohne meine Hunde unterwegs bin und auf neue Menschen treffe, kommt fast nie jemand darauf, was ich in meinem Leben so mache. Die verdutzten Blicke, wenn ich berichte was ich so treibe und wofür mein Herz schlägt, sind unbezahlbar. Schon oft habe ich erlebt, dass es die Menschen sehr wütend machen kann, wenn andere in keine der festgelegten Schubladen hineinpassen. Würde wohl ein ungutes Gefühl erzeugen, wenn man feststellt, dass man vielleicht schon ziemlich viele tolle Menschen im Leben verpasst – oder zu Unrecht verurteilt hat.

Es ist nie zu spät noch mal einen Blick über den Tellerrand zu werfen, seine Meinung zu ändern oder umzudenken.
Glaubt mir, es lohnt sich.

2 Replies to “Mein Pelzmantel und die Moral von der Geschichte

  1. Danke für die wahren Worte
    ..Und zu guter Letzt ist doch eigentlich die Gesellschaft, die dies zulässt, an allem schuld! Und wer ist das? Naja, diejenigen, die halt die Preise für Schnitzel, Portemonnaies und Cremes (die an Tieren getestet wurden) so schön niedrig machen.. und diejenigen die es kaufen… und ich bin auf keinen Fall Teil der Gesellschaft .. So dann gehe ich jetzt mal wieder in die Hütte im Wald in der ich mich von Liebe Luft und Sonnenschein ernähre ♥

    1. Patricia (Herzaugensmiley) !
      Vielen Dank für deinen Kommentar. Ich stimme dir vollkommen zu und freue mich, dich bald mal wieder in deiner Hütte im Wald zu besuchen und über dieses Thema zu sinnieren!!

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