Vor ein paar Wochen saß ich nach meinem allsonntäglichen Besuch einer Freundin in der U-Bahn.
Es war ziemlich voll und ich hatte Glück, noch einen Sitzplatz ergattert zu haben.
Als die Türen der Bahn sich am Bahnhof Rödingsmarkt öffneten, stiegen zwei auffällige Passanten dazu.
Er, recht betrunken, trug einen Fan-Schal irgendeiner Fußballmannschaft und sie, offenbar eine alte Freundin oder so, nicht weniger betrunken, aber weniger gut drauf.

Keine Sekunde später sprang der bierliebhabende Mann auf Ilva zu, schmiss sich zu ihr auf den Boden und umklammerte sie.
Es sah ein bisschen so aus, als würde mein Pikachu jetzt auf Relaxo treffen und das U-Bahn Abteil verwandelte sich in eine Pokemonarena.
Mit ziemlich merkwürdigen Fans und noch eigenartigeren Kontrahenten. Relaxo sah aus, als würde er versuchen sich mit Pikachu gemeinsam durch die Bahn zu rollen, in einer Wolke aus Liebe, die zunächst nur ihn umgab. Ich muss dazu sagen, dass ich zu Beginn des Spektakels bereits erwähnte, dass der Hund jederzeit zubeißen könnte.
Ruhig, aber bestimmend habe ich den Mann gebeten sie loszulassen und einen Meter zur Seite zu rollen.
Es gab für mich keine Ausweichmöglichkeit, keinen Move, mit dem ich Ilva jetzt noch hätte sichern können, der nicht wie Öl im Feuer gewirkt hätte.

Relaxos Pokemontrainerin hingegen war wenig beeindruckt von der Freakshow.
Doch anstatt ihr aus dem Ruder gelaufenes Pokemon zurück in den Pokeball zu befördern, ermahnte sie mich, ihr Relaxo doch bitte von meinem Pikachu zu entfernen.Und so wurde ich zur Tierquälerin, die es zulässt, dass ihr eigener Hund so übel belästigt wird. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass mir offenbar die Tochter von Cesar Milan gegenüber sitzt.
Sie erkannte direkt, dass Ilva total verängstigt war und sicher bleibende Schäden davon tragen würde. Ilva hat einen sehr guten Humor und grundsätzlich kein Problem mit Menschen. Angst ist kein Fremdwort für sie, aber auch kein stetiger Begleiter.
Nach anfänglicher Skepsis fand sie es eigentlich ganz cool, dass da jemand mit ihr spielt und sie ganz toll findet. Thank god.

Natürlich hätte ich direkt aufspringen, den Mann anschreien, ihm vielleicht ins Gesicht treten oder ihn an seinem Schal aufhängen können.
Ich bin sicher, er hätte den Hund dann vielleicht in Ruhe gelassen.
Der Hund ihn aber nicht.
Welche Option wäre Ilva geblieben, außer mitzuziehen, wenn ich die Fassung verloren hätte?
Das bloße Erheben meiner Stimme hätte ggf. zu einem anderen Ausgang der Situation führen können.
Wir reden hier über eine volle U-Bahn in Hamburg.
Natürlich hätte ich auch mit einem Backflip durch die Scheibe hinter mir springen können.
Ich kann aber keinen Backflip.

Also fasste ich den Entschluss, für Ilva und mich, das Ganze erst mal ruhig zu belächeln und mich zu freuen. Als würde ich Relaxo schon ewig kennen und es total okay finden, dass er definitiv Grenzen überschreitet.
Auf dieser Basis habe ich dann versucht, Relaxo klar zu machen, bitte einen Meter Abstand zu halten.
Ich habe mehrfach wiederholt, dass er sie ja von mir aus gerne streicheln kann, aber nicht so eng umarmen soll.
Das hat dann auch irgendwann funktioniert und ein paar Stationen später war das Inferno vorbei. Was soll ich sagen, ich habe offenbar ein ziemlich cooles Pikachu.

Stumpf ist Trumpf.

Hätte ich impulsiv und angespannt reagiert, hätte Ilva mitgezogen.
Und dann?
Ich sehe schon die Schlagzeilen:

‘ Wolfshund beißt Passanten in der U-Bahn – neues Gesetz über Maulkorbpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln wird diskutiert ‘

Und alle Hundehalter so: ‘Na, da hat aber jemand seinen Hund nicht im Griff, da muss man doch besser aufpassen, wie kann man mit so einem Kampfhund* überhaupt U-Bahn fahren? `.
Am Ende wäre ich bestimmt die Betrunkene, Ilva ein Pit Bull und das Relaxo ein Rechtsanwalt,der gerade auf dem Weg zur Sonntagsmesse war.

Versteht mich nicht falsch, ich hätte gerne eingegriffen und die Situation sofort aufgelöst.
Genau so verstehe ich Außenstehende, die sich wohl gefragt haben, warum ich so entspannt reagiere. Was für die Außenwelt in dem Moment entspannt aussah, war mein Notfallplan. Natürlich trug Ilva ausgerechnet an diesem Tag keinen Maulkorb, ich hatte ihn schlicht und ergreifend vergessen. ‚Wie kann sie nur‘….
Ist ja noch nie was passiert und zur Not kann ich eingreifen.
Außerdem ist Sonntag, da ist ja eh nichts los, dachte ich mir. Ich hätte den Maulkorb nicht vergessen dürfen oder umkehren sollen, als es mir auffiel.
Der Mann hätte trotz Trunkenheit nicht auf den Hund springen sollen und Cesar Milans Tochter hätte ihren Hengst auch einfach festhalten können, statt mir die Zügel an den Kopf zu werfen.

Hätte, könnte, wäre.
An der Stelle möchte ich kurz erwähnen, dass Ilva noch nie einen Menschen gebissen hat.

Am Ende kriegt sie definitiv ein High Five für ihr cooles Verhalten, Respekt Fräulein.
Ich habe eine neue Erfahrung gemacht und mal wieder bemerkt, dass man das Schicksal nicht herausfordert und Sicherheit an erster Stelle steht. So wie ich es immer predige. (…) Zurück in meinem Glashaus weiß ich jetzt auch, dass Betrunkene manchmal auf Hunde fallen und bin gespannt auf zukünftige U-Bahnfahrten.

– to be continued –
*über diesen Ausdruck unterhalten wir uns noch.

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