Die Tage sind lang und die Nächte kurz. Zumindest die Phasen der Nacht, in denen ich tief und fest schlafe. Selten sitze ich abends auf dem Sofa und durchforste die sozialen Netze, weil ich dafür keine Zeit habe. All die Kommentatoren, die meist nicht wissen oder fühlen können worum es in den meisten Beiträgen über Tierschutz/Hunde geht, machen mich zornig und nehmen mir die Hoffnung auf eine Zukunft, in der die Uhren wieder sauber ticken. Und deswegen meide ich es, denn in meinem Kampf gegen Windmühlen gedenke ich nicht aufzugeben. Und immer wieder erinnere ich mich daran, dass die Komplexität der Thematik schwierig zu greifen ist und es nicht zu verstehen ist, solange die Masse weiter ungehalten weiter in das Unglück rennt und die Stimmen der Vernunft dabei plattwalzt.

Denn sie wussten nicht, was sie tun.

Heute Abend ist es jedoch anders, ich habe noch ein bisschen Zeit bis ich los muss. Nach ein paar witzigen Videos fing ich an mich durch den Newsfeed zu boxen. Schon komisch, nicht vor all zu langer Zeit hatte ich die online Armbrust niedergelegt und plante ein social media sabbatical. Selbstverständlich ging die Allgemeinheit davon aus ich hätte viel zu verbergen. Ein dunkles Geheimnis, ein sensationeller Grund warum ich mich zurückziehe. Eine Leiche im Keller, eine mit roten Augen die Nachts zum leben erwacht und Unheil verbreitet.

So hat eben jeder seins.

Neben meinen kläglich scheiternden Einfangversuchen der Untoten, entwickele ich stetig neue Strategien und konnte der Rotäugigen schon so manche Falle stellen. Nebenbei arbeite ich hauptberuflich im Tierschutz. Was das bedeutet möchte ich gar nicht ausführen, nicht jetzt und hier. Aber es kostet Zeit und zwar soviel Zeit, dass man es entweder lebt oder lässt. Zumindest ist das für mich so, nennen wir es eine Lebensaufgabe oder Berufung, wenn man so will. Doch zurück zum Newsfeed. In den wenigen Stunden die mir gerade bis kurz nach Mitternacht bleiben, bevor ich los muss, (die Leiche, ihr wisst wie es ist) habe ich im Kampf gegen die Müdigkeit beschlossen ein bisschen zu gucken was so geht. Irgendwo werden haufenweise Hunde aus Missständen befreit, die Einen hetzen über die Anderen, wieder ein Anderer prophezeit den Kollaps von Einrichtungen, die aus allen Nähten platzen. Ich lese über aktuelle Geschehnisse in meinem Tanzbereich, die Oberfläche wirkt immer so dramatisch, aber auch nur weil die Wenigsten wissen wie es in der Tiefe aussieht. Und dann kommen sie, die Zeitungsberichte. Ein Artikel jagt den Nächsten, Kampfhunde beißen Kinder, Kampfhunde töten Katzen, Kampfhunde werden erschossen, Kampfhunde werden von einem Jungen auf einen anderen Jungen gehetzt. Er bleibt ewig entstellt. Und die Kommentare bleiben die selben. Die fehlende Erziehung, die armen Hunde, die dummen Menschen – das andere Ende der Leine.

Doch das andere Ende der Leine sind wir alle. Klingt Scheiße, ist aber so.

Wisst ihr, ich habe keine Lösung parat und wenn ich schon 70 wäre, dann wäre ich noch viel weiser und würde wahrscheinlich wohlig grinsend mein Glas wein trinken und eine katastrophale Zukunft in Kauf nehmen, denn ich wäre kein Teil mehr von ihr. Wobei das nicht meine Art ist, aber ich war auch noch nie 70. Doch jetzt bin ich noch nicht mal 30 und auch wenn ich nur der Tropfen auf dem verdammten heißen Stein bin, kämpfe ich lieber gegen eine scheiß Windmühle, als stillschweigend eine Lavine zu beobachten, die an Tempo zulegt und auf Dinge zurollt, die mir lieb und heilig sind. Der Schuh drückt an unzähligen Ecken, jeden Tag hängt das Fell von so vielen Hunden an meinen Klamotten, die online so viele Freunde haben, aber am Ende des Tages alleine im Zwinger sitzen. So viele Hunde deren Sprache kaum noch einer spricht, weil keiner die Bürde auf sich nehmen will, sie zu lernen. Noch immer hämmern blind alle auf alten Legenden herum und wiegen sich in angenehmen Komfortzonen. Ein Hund wird erschossen weil er eine Katze tötet. Trotz Wesenstest. Und Wölfe reißen Schafe, obwohl jeder weiß, dass man gerade als Tier eigentlich eher vegan leben sollte. Zu deren Schutz machen wir das ganze Theater schließlich.

Die Zeiten haben sich geändert. Wir brauchen vermeintliche Sicherheit, wir ertragen die Dinge oft nicht mehr, wie sie eben sind und so erbauen wir uns ganze Paläste die der Realität widersprechen.

Wir vertuschen die Tatsachen und schmieren eine Tonne Deckweiß drüber, bis es ein schöner rosafarbener Brei ist. Aber unter all den Schichten bleibt es, was es ist. Ich habe mir nicht vorgenommen die ganze Welt zu retten, aber ich möchte verdammt nochmal wach bleiben. Ich frage mich wohin wir gehen wollen, wenn auch das letzte Tierheim voll ist. Wohin gehen wir, wenn die Gesetze verschärft werden und kein Platz mehr für all die Hunde ist, die dann fortgenommen werden? Wieviele Menschen werden Petitionen unterschreiben und welche neue Katastrophe wird es sein, die, die ganze Sache in Vergessenheit geraten lässt? Ich werde es ganz gewiss nicht vergessen und auch wenn die Welt untergeht und ich immer noch auf meinem scheiß Baywatchbrett mit einer Kippe im Mund und drei unter den Arm geklemmten Kampfhunden dem Untergang entgegen surfe.

Ich will’s nicht dramatisieren, aber der Scheiß geht so nicht mehr lange gut. Und ich weigere mich kampflos den Umständen zu entsprechen.

Es reicht nicht aus, das Einige wenige die Dinge beim Namen nennen und protestieren, es reicht nicht aus langsam aber sicher gegenzusteuern, denn das was auf uns zukommt, das bewegt sich sehr schnell. Und es hat rote Augen und wir jagen es Nacht für Nacht und Tag für Tag. Ich glaube jeder Mensch kann seinen Teil dazu beitragen und ich bin überzeugt es gibt noch viel mehr Menschen, die ihre Flinte schon ins Korn gesteckt haben, noch keine 70 sind und die Flasche Wein halb leer noch auf dem Tisch steht. Trinkt gerne noch einen Schluck und dann steht auf und schmeißt den ersten Stein.

Was wir brauchen ist ein gesundes Bild von einem Tier, was wir in das Muster des ‚besten Freundes der Menschen‘ gepresst haben, wie eine Mutter ihr viel zu dickes Kind in ein rosa Tutu von damals. Und grausam geschlachtetes Fleisch aus der Dose ist vollkommen okay, ein Hund der eine Katze erlegt eine Schlagzeile. Tausend Gründe warum das nicht passieren darf und wie man dem entgegenwirkt, zum Beispiel zwei Dienstwaffen. Aber das kann nicht der richtige Weg sein.

Wenn ich zwei Kangals und drei Rottweiler mit Maulkörben in einen Zwinger sperre und davor ein Familienbarbecue veranstalte, habe ich dann den perfekten, gut gesicherten Familienhund? Hat das Internet in dem Moment Recht wenn es sagt, dass wirklich jeder mit ein bisschen Hundeschule jeden Hund halten darf?

Der goldene Käfig.

Habe ich alle meine Hunde „resozialisiert“, weil ich mit ihnen zusammenlebe, ohne das Einer stirbt oder sind meine Managementfähigkeiten einfach besser als die deines Bankberaters? Und ist es schön jeden Tag mitansehen zu müssen, wie sehr man in die Natur unserer Fellnasenkinderchen eingreifen muss um sie irgendwie in unsere abnormale Gesellschaft reinzupressen oder ist es ein Trauerspiel?Verhaltensauffällige Hunde liegen im Trend, Problemhundtherapeuten sind die Neuen Rütters und Tierkommunikatoren fahren n‘ Benz.

Während irgendwo im Tierheim ein Mensch sitzt, der einen Maulkorb mit Kabelbindern flickt und gerade die letzte Rolle Gaffer aufbraucht.

Salz in der Wunde tut weh, aber das tut die Wunde an sich auch. Und solange sie immer tiefer geschlagen wird, darf der Schmerz wenigstens nicht lautlos hingenommen werden. Wir wissen wo das hinführt, siehe Jesus.

Es ist an der Zeit Etwas zu ändern, weil es schon für so Viele längst zu spät ist.

 

Fortsetzung folgt.

2 Replies to “Katz und Maus

  1. Und ich habe schon gedacht ich werde verrückt, weil dein Profil auf einmal weg war. Schade drum, ich habe deine Storys und Beiträge gerne gelesen bzw. angeschaut! Wie immer hast du Recht mit dem was schreibst. Aber sag mir, wie soll man irgendwas tun? Hunde bekommt man wie Sand am Meer. Jeder Hans und Franz kann sich einen Hund kaufen und das Heutzutage schon quasi per Mausklick. Wie soll man als normale Person irgendwas tun können?

    1. Ja, das frag ich mich auch ständig. Wo fängt man an? Klar, natürlich bei sich selber… aber reicht das? Aufklärung des Umfeldes und sich bei anderen Hundehaltern eventuell unbeliebt machen – check✅
      Tierschutzvereine finanziell unterstützen und “Gebrauchte” (naja, eher “Nichtmehrgebrauchte”) Hunde adoptieren…
      M.E. hilft nur das Verbot Tiere einfach so kaufen zu dürfen. Und das gilt für alle Tiere. Solange Lebewesen “online” verfügbar sind für wenige Euronen, werden sie geshopt wie die Kinderarbeitsshirts im Versandhandel. Kostet ja kaum was…wenn es kaputt ist, kommts halt weg und ich kauf was Neues. Muss sich der Kaufwillige aber durch ein Nadelöhr zwängen und vorgegebene Auflagen erfüllen, reduziert sich die Anzahl der Schnäppchenjäger von ganz allein. (Einschub: Thema Auflage – es ist leider ein negativ behafteter Begriff.. sieht man es als Qualifizierung und nimmt es als Möglichkeit, den potenziellen Adoptierling kennen zu lernen, um zu schauen, ob es passt, ist das doch sehr vernünftig. Die Menschen fahren zig Autos Probe, aber ein neues “Familienmitglied ” wird einfach ohne Probefahrt gekauft…).
      Es widerstrebt mir, Vorgaben von Gesetzgeber zu fordern (Bevormundung und so), aber wenn der Großteil der Menschen sich nicht mündig verhält, sehe ich das als einzige Möglichkeit. Zum Schutz der Tiere und vielleicht auch zur Weiterentwicklung der einzelnen Menschen.

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