Diesen Artikel schreibe ich inspiriert durch eine Konversation mit einem Mann, den ich im Folgenden einfach mal Lionel nenne.

Mir war noch vor dem Start vom Andershund bewusst, dass ich nicht mit vielen Fans oder Befürwortern rechnen kann. Ebenso war mir klar, dass viele Menschen ihren wenig konstruktiven Senf ungefragt auf meine Currywurst klatschen werden. Vor allem aber nach den dramatischen Bildern des verbogenen Maulkorbes hagelte es kritische Kommentare, feindliche Nachrichten und Zweifel kamen auf, ob ich vielleicht meine Hunde nicht erziehen kann. Wie kann denn sowas sonst passieren? Fahrlässig! In den letzten Kommentaren fielen Aussagen, dass man Hunde die so unverträglich, aggressiv und bissig wie meine wären, nur mit sozial absolut sicheren Hunden zusammen laufen lassen sollte. Ich würde mir angeblich widersprechen und einiges wäre doch sehr fragwürdig. Ein Kettenhalsband mit einem Karabinerhaken…tztztz. Und warum überhaupt ein Kettenhalsband? Wo doch heute jeder weiß, dass ein Brustgeschirr das einzig wahre sei.

Ich bin mir nicht sicher, ob meine Botschaft verschlüsselt ist oder der Name des Blogs falsche Versprechungen macht, aber Alice mein Schätzchen, wir sind hier nicht im Wunderland.

Ich würde meinen Hunden Gewalt zufügen und wäre unentspannt, es ging soweit, dass Lionel in unserem Gespräch auf Cosmo anspielte. Er selbst bildet nämlich schon seit vierzig Jahren (Mensch Lionel, du könntest mein Opa sein) DDR Schäferhunde und sogar Wolfhunde aus. Auch ein Youtube Video empfahl er mir. Denn meine Erfahrungen basieren doch offenbar auf Hunden, die ich versaue, die mir um die Ohren fliegen und dann im Tierheim sterben müssen.

Noch bevor die Klinge seines Messers meinen Rücken traf, brannte mir dieser Artikel in den Fingerspitzen.

Echt jetzt, Lionel? Meinst du, wenn du Salz in meine Wunden streust, werde ich dich Daddy nennen, mich auf deinen Schoß setzen und du erzählst mir die Geschichte von dem durch ein Halsband verursachten Wirbelsäulenschaden? Du meldest mich dann für die Seminare an, von denen du glaubst, sie würden mir gut tun und Buri und Ilva spielen nur noch mit sozial absolut sicheren Hunden? Vergiss es Lio, ich setze mich nicht auf deinen Schoß und ich habe dich nicht nach deiner Meinung gefragt. Und auch der Leinenruck hat meine Hunde nicht aggressiv gemacht. Ob du es nun glaubst oder nicht. Wenn ich über Leinenrucks diskutieren möchte, dann sage ich das. Wenn ich Anregungen zu speziellen Trainingsmethoden haben möchte, dann frage ich nach. Das hier ist nicht Diskussionshund. Und schon gar nicht Verurteilungshund. Ich schreibe einen ehrlichen und offenen Blog und ermögliche tiefe Einblicke in die Arbeit mit meinen und anderen Hunden.

Ich freue mich über jeden Hundehalter, der sich in meinen Texten wiederfindet, mal ausatmen kann und sich nicht mehr so unfassbar Anders fühlt.

Mit Kritik kann ich leben, für Anregungen bin ich durchaus offen, aber der Ton macht die Musik. Und ich entscheide selbst, wie ich mit meinen Hunden arbeite. Wer ein Halsband für Tierschutzrelevant hält, darf nun gerne den Raum verlassen und stillschweigend von dannen ziehen. Mir persönlich ist es nämlich vollkommen egal, ob ein Hund ein Halsband, zusammengeflochtene Schnürsenkel oder ein Brustgeschirr trägt. Solange es Hund und Halter gut geht, habe ich keinen Einwand. Wenn aber mein Telefon klingelt und die verzweifelte Halterin eines Hundes schildert, wie sich dieser zum wiederholten Male aus dem Geschirr wandte, um einen kleineren Hund zu verletzen, dann habe ich einen Einwand. „Vielleicht hat das Geschirr einfach nicht gepasst“, vielleicht näht die Risse in der Haut des kleineren Hundes das nächste mal niemand mehr zu. Vielleicht überlebt der nächste kleine Hund die Attacke nicht. Vielleicht sichern wir diesen Hund einfach mit einem Halsband und schließen aus, dass es zu erneuten Vorfällen kommt. Es klingt verrückt, aber nicht jeder unserer Hunde möchte uns ums verrecken gefallen und lebt ausschließlich für unser Lob. Nicht jede gelobte Verhaltensweise wird sich etablieren und alles Negative verschwinden lassen.

Ich schreibe diesen Blog weil ich die Schnauze voll vom unter den Teppich kehren habe, von all den „sozial absolut sicheren Hunden“ oder besser gesagt, ihren Haltern, die Raufergruppen für höchst gefährlich halten. Was sie sicher sein können, wenn sie von jemanden geleitet werden, der Brustgeschirre auf einem Schrein im Hinterzimmer lagert.

Ich schreibe diesen Blog für meine Hunde. Für alle Hunde, die nicht in euer Schema passen. Für die Hunde, denen ihr gegenüber zu feige seid, sie als das zu akzeptieren, was sie sind. Hunde. Hunde mit eigenem Charakter. Ihr schiebt es auf Halsbänder, auf Trainingsmethoden, auf unfähige Menschen, auf alles was ihr finden könnt, nur um euch nicht einzugestehen, dass ihr mit den harten Jungs und Mädels einfach nicht umgehen könnt. Und es müssen ja nicht mal die Harten sein, sondern jeder Hund, der nicht „sozial absolut sicher“ ist. Jeder Hund, der sich wie ein Hund benimmt. Der Maulkörbe verbiegt, der sich mal prügelt, der an der Leine zieht, der knurrt und bellt.

In der sozial absolut sicheren Welt da verbiegen keine Maulkörbe, da ist vollkommen klar, dass intakte Rüden nicht mit intakten Rüden können. Da könnte ja was passieren und vielleicht wird ein Leckerchen dann nicht helfen, um die Gemüter zu beruhigen. Sozial absolut sichere Hunde, das wollt ihr. Und alle Hunde die nicht so sind, die haben bloß gelernt zu „fighten“, wie Lionel sagen würde, alles die Schuld der Menschen. Denn verhalten wie ein Hund, das dürfen unsere liebsten Kampfschmuser und Fellnäschen nicht.

Und wenn dann der tausendste Hund im Tierheim landet, weil wieder mal jemand zu feige war Grenzen zu setzen und der Waldi jetzt das Sofa verteidigt, dann fragt keiner mehr nach.

Vielleicht wollte Waldi nicht für ein „fein gemacht“ oder „Leckerchen“ das Feld räumen, vielleicht wollte Waldi jemanden der den Mut hat, die Verantwortung zu tragen. Der den Mumm hat, auch mal Nein zu sagen. Damit Waldi jemanden hat, an dem er sich orientieren kann. Vielleicht scheißt Waldi einfach auf sein Brustgeschirr und Wurststücke.

Was soll ich sagen, ich bin wohl kein sozial absolut sicherer Mensch. Das Schreiben eines Blogs verpflichtet mich nicht, persönliche Angriffe und Anfeindungen zu ignorieren und klein bei zu geben. Genau deswegen schreibe ich ja. Ich akzeptiere andere Denkweisen, ich akzeptiere alle Trainingsmethoden die nicht Tierschutzwidrig sind und zum gewünschten Erfolg führen. Solange Waldi nicht am Ende im Tierheim sitzt und als „Beißer“ gilt, weil ihm nie jemand den Weg gezeigt hat. Weil die vermeintliche Gutmütigkeit aus ihm einen grenzenlosen Rowdy geschaffen hat. Ich akzeptiere auch keinen Balljunkie, der jetzt bei der kleinsten Bewegung durchdreht, weil wieder mal jemand nicht den Arsch in der Hose hatte, seine eigenen Fehler auszubügeln. Ja, meine Hunde kloppen sich mal, sie toben in Raufergruppen, sie knurren, sie beißen, sie haben sich unfassbar lieb und dürfen kommunizieren. Manchmal sind sie total drüber, mal lammfromm. Wie traurig für sie, dass sie, sie selbst sein dürfen.

Wie unfassbar unfair, dass ich klare Grenzen setze, ohne sie zu behandeln wie Zirkusaffen, die nur für ein Stück Futter zu mir kommen. Die immer nur gelobt werden, wenn sie was gut machen und nicht lernen dürfen, was falsch ist. Nur weil jemand nicht versteht, dass auch Hunde es verdient haben, dass man ihnen mal sagt wann Schluss ist. Auch Hunde dürfen austesten, sie brauchen Zeit. Sie sind wie sie sind.

Ich habe kein Problem mit meinen Hunden, ich habe ein Problem mit dem Bild des Hundes in unserer Gesellschaft.

„Sozial absolut sicher“ – mein Magen dreht sich.

Für mich ist Lionel’s sinnbildlicher Leinenruck härter als jeder Ruck, den ich je in einer Orientierung gesetzt habe. Es ist genau der Ruck, den wir nicht mehr brauchen. Es sind die Leinenrucke, die Menschen zum schweigen bringen, die es erlauben, dass man als Tierquäler hingestellt wird, weil man dem Bello mal einen Metallnapf vor die Latschen knallt, wenn er im Begriff dazu ist, Nachbars Katze zu fressen. Da sperrt man ihn lieber weg, weil man nicht weiß wofür man ihn loben soll, während er die kleine Minki frisst. Wäre doch fies wenn Bello sich frei bewegen könnte, tun und lassen was er will und man ihm ab und zu klar und deutlich sagen müsste, dass man Katzen nicht fressen darf. Wenn man Grenzen setzt, in deren Rahmen er sich frei bewegen kann.

Menschen untereinander haben verlernt ihre Standpunkte klar zu vertreten, wie sollte man es dann seinem Hund gegenüber können? Wenn man doch alles Schlechte wegignorieren kann?

Es ist ja viel einfacher, am Ende fragt sich nur für wen.

Und zwischendurch unterzeichnet man eine Petition, um den armen Chico zu retten. Nach wie vor warte ich auf all die Retter, ich habe ein buntes Bouquet an Hunden parat, die auf ihren ganz persönlichen Retter warten. Tag für Tag. In Deutschland sitzen tausende Hunde in Tierheimen in Einzelhaft, die auf einen Menschen warten, der sich ihnen annimmt. Die Aussortierten, die leider nicht sozial absolut sicher waren. Die, mit denen man rausgeht und nicht freudestrahlend auf Hundewiesen empfangen wird.

Die, die einen Maulkorb tragen. Die, die nie lernen durften, wann Schluss ist.

Am Ende des Tages sind es einfach Hunde.

Auch wenn ich mit einem Artikel nicht das komplette gesellschaftliche Bild verändern kann, habe ich die Schauze gestrichen voll davon einfach nichts zu sagen. Es hinzunehmen wie es ist. Denn die Zahl der „Aussortierten“ steigt, noch immer gucke ich fast tagtäglich in die von Mitleid verzerrten Gesichter, wenn ein Hund einen Maulkorb trägt. Noch immer ist die erste Frage:“ Hat der schlechte Erfahrungen gemacht?“.

Und ja das hat er, denn er durfte nie erfahren wie es ist, an einen Menschen zu geraten, dem er nicht über den Kopf wächst. Der Verantwortung trägt und versteht, dass Hunde nicht nur Stöckchen holen und sich lieb haben.

Ich liebe Hunde und ich liebe Menschen. Und es wäre schön wenn wir alle so langsam die Zeigefinger senken könnten und uns stattdessen die Hände reichen und endlich miteinander arbeiten und nicht gegeneinander.

Wenn wir den Hund wieder Hund sein lassen und lernen ihre Sprache zu sprechen, anstatt zu erwarten, dass sie in unser erfundenes Bild eines Haustieres passen.

*der Name Lionel ist frei erfunden. Die Kommentare vom wahren Lionel unter dem Maulkorbpost habe ich gelöscht, um niemanden bloß zu stellen.

Ps. Ich esse meine Currywurst nicht mit Senf.

8 Replies to “Lionel‘s Leinenruck und der verbogene Maulkorb

  1. An all die Lionels und die Uschis dieser verkorksten Hundegesellschaft:
    Ich bin ein grosser alter Mann und sozial nur genauso begrenzt kompatibel wie meine Tölen und ich bezeuge hier und jederzeit, dass dieses halbernährte kleine Weibsbild mit seinen schlaksigen Kötern mehr Eier in der Hose und mehr Rückgrat unterm Kopf hat als Ihr Euch kollektiv wachsen lassen könntet. Amen.

  2. Phänomenaler Post. Genauso ist es. Dieses “Problem immer am anderen Ende der Leine” kann ich auch nicht mehr hören. Hunde brauchen klare Grenzen, denn so funktionieren sie seit Urzeiten in ihren Rudeln. Und wie beim Menschen auch gibt es auch dort den netten, schlauen und folgsamen, aber auch den Arschloch, ignoranten oder sehr schwer kontrollierbaren Hund.
    Was das richtige Mittel zur Erziehung und zum führen des Hundes ist muss ganz individuell entschieden werden.

  3. DANKE – DANKE – DANKE – jedes Wort könnte von mir sein. Hunde müssen Hunde sein dürfen mit allen Kanten und Macken. Ich hatte schon immer eine relativ große Meute, 22 franz. Meutehunde in Spitzenzeiten, heute sind es noch 13 Galgos und Meutehunde bunt gemischt. Sie alle leben relativ autark auf meinem Gelände, können Tag und Nacht über Hundeklappen raus. Sie teilen mein Wohn- und Schlafzimmer mit mir, brauchen mich aber nur für das Futter und natürlich endlos Schmusen. Sie leben alle sehr friedlich miteinander, was aber nicht heißt, dass es nie Diskussionen und Rangeleien gibt. Ein Hund muss kommunizieren dürfen, auch knurren und bellen, alles andere wäre leider menschlich, weil wir es nicht mehr aushalten, dass man sich auch mal schonungslos die Meinung sagen darf. Und bevor es zu Schäden kommt, muss ein Mauli zum Einsatz kommen, das schont andere Hunde und Menschen. Wer das nicht einsieht und seinem Hund keine Grenzen setzt, ist für mich das Problem, nicht sein Vierbeiner.
    Hunde wie Kinder brauchen Grenzen, nur dann können sie glücklich sein. Hunde sollen nicht die Verantwortung für den Menschen übernehmen, das macht sie zu verhaltengestörten Wesen, die siehe auch wieder Tierheim.
    Es wäre schön, wenn viele Hundehalter diesen Artikel verinnerlichen würden und nicht, weil sie zufällig eine pflegeleichte Fußhupe haben, Weisheiten absondern, die niemand braucht.
    Ich weiß, Mehrhundehalter haben keinen leichten Job in unserer Gesellschaft, und deshalb liebe ich in erster Linie Hunde und nur noch eine Handvoll Menschen!
    Weiterhin alles Liebe und Gute und viele Grüße aus der Eifelmeute
    Inge Bassi

    1. Liebe Inge,

      vielen Dank für deinen Kommentar.
      22 Franzosen, das stelle ich mir richtig cool vor. So eine Meute ist schon was schönes.
      Ich bin selbstverständlich bei dir, in dem was du sagst.
      Herzliche Grüße aus dem hohen Norden

  4. Sehr Geil geschrieben, Bravo… Als Mini Bullterrier “Besitzer” fühle ich mich von diesem Text sehr angesprochen und weiss genau was sie damit meinen… 😉

  5. Punktlandung……
    Spricht mir pers. genau aus den Tiefen der Seele….
    Darf 2/grantige Vertreter im Tierheim betreuen…mit Menschen ein Traum…andere Tiere müssen nicht sein…
    Hab die jetzt im 3. und 4. Jahr…..und 100/Trainer die alles können und wissen…aber keiner traut sich ran oder kennt die wahre Geschichte zu den Hunden…

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