‘Beißt der?’

Eine Frage, die mir alltäglich begegnet und von verschiedensten Menschen gestellt wird.
Bis heute habe ich nicht die richtige Antwort gefunden um direkt klarzustellen, dass diese Frage ungefähr so sinnvoll ist, wie eine Flexileine für einen 50kg schweren Schäferhund. Meiner Meinung nach gibt es keinen Hundehalter, der diese Frage mit ‘Nein’ beantworten könnte.

 

Jeder Hund beIßt

 

Die Frage ist so unpräzise und platt, dass ich am liebsten direkt weitergehen würde, während die Menschen ungläubig den Maulkorb meines schwanzwedelnden Hundes beäugen.
‚Aber Menschen tut der nichts, nä? ‘
Es gibt Hunde die beißen aus Angst, Hunde beißen im Spiel, Hunde beißen vor Wut oder aus Verzweiflung. Beißen ist eine natürliche Art zu kommunizieren.
Es gibt tausende gute und schlechte Gründe für einen Hund, zuzubeißen.

So gibt es z.B. auch Hunde, denen der Schalk im Nacken sitzt und die gelernt haben, dass die Menschen ziemlich gut funktionieren und ihren Anweisungen folgen, wenn sie Ihre Zähne benutzen. Ist doch eigentlich logisch oder?

Die Motivation dies zu tun, die Bereitschaft und die Intensität sind natürlich unterschiedlich, genau wie die Häufigkeit.
Viele Faktoren wie Rassezugehörigkeit, Lebensumstände, das andere Ende der Leine, Erfahrungen, Charakter, Windrichtung etc. spielen hierbei eine Rolle.
Mich würde es eher beunruhigen, wenn mir jemand erzählt, dass sein Hund NIE beißt.
Selbstverständlich bin ich nicht gegen eine Wand gelaufen und weiß, worauf die Frage in der Situation eigentlich abzielt.

Die beliebteste Antwort wäre wohl: ‘Nein, der beißt nicht, der ist nur super verfressen und ich möchte nicht, dass mein Hund Nahrung aufnimmt, die ihn möglicherweise das Leben kosten könnte’.

Da dies lange Zeit meine Standardantwort war, weiß ich, dass sie sehr beliebt ist.
Man kann daraufhin so wunderbar rechtfertigen, dass diese arme Kreatur das gespenstische Stück Metall nur zu seinem Besten im Gesicht trägt und alle Beteiligten wären zufrieden.
Ich aber nicht.

Ein Maulkorb mag nervig sein für einige Hunde, aber dafür gibt es Methoden, dem Hund den Maulkorb im wahrsten Sinne des Wortes, schmackhaft zu machen.
Ich denke ein Maulkorb ist für einen Hund –egal wie- weniger schlimm, als ein fehlender Finger eines Kindes oder ein durchlöcherter Hund.

 

Eines Tages kam mir die Erleuchtung und ich stellte fest, dass ich mit jeder ehrlichen Antwort einen kleinen Erfolg erzielen kann.

 

Wenn ich mit der Wahrheit um die Ecke komme, weiß ich in 90% der Fälle, wie die nächste Frage lautet: ‘Oh, haben Sie den aus dem Tierschutz? Der hat bestimmt schlechte Erfahrungen gemacht?’.
Die Menschen kratzen ungerne an ihrer Überzeugung, dass Hunde die besseren Menschen wären und im Grunde keiner Fliege aus eigener Intention heraus etwas antun könnten.
Außer sie wurden geschlagen oder misshandelt, so kann man ja wieder anderen Menschen die Schuld dafür geben.
Hach, das Leben könnte ja so einfach sein.
Wie ist es sonst zu erklären, dass der Aufschrei immer unfassbar groß ist, wenn ein Hund es doch mal schafft jagdliche Erfolge zu erzielen und ein süßes Entenbaby im Park reißt?
Das ist sicher nicht schön anzusehen, aber wenn Hunde keinen Jagdinstinkt hätten, dann würden sie heute leider gar nicht existieren.
Denn ihre Vorfahren hatten keine Menschen/Dosenöffner, die sie mit Nahrung versorgt haben. Da mussten sie sich selbst drum kümmern.
So wie wir Menschen es auch mal taten und einige Jäger es noch heute tun.

Der durchschnittliche Verbraucher jagt natürlich nicht selber, das wäre ja auch ziemlich grausam und es gäbe keine Massentierhaltung, die es auf eine sehr tierfreundliche Weise ermöglicht, dass wir unser Fleisch hübsch verpackt im Supermarkt kaufen.
Die Hühner in den Gitterboxen werden wenigstens nicht von wild gewordenen Hunden erlegt und sogar medizinisch versorgt. Da wird ein Tier doch extra geboren um ein relativ beschissenes Leben zu führen und dann qualvoll zu sterben.
Wir Menschen sind ausgesprochen gut darin, uns die Dinge so zu drehen, wie wir sie brauchen.

Doch zurück zur Ausgangsfrage:

 

Beißt DER Hund? und wer oder was ist schuld daran?

 

Ich bin mal so frei und würde ganz einfach sagen: die Natur.

Willkommen in der Realität.

Was soll ich machen, das ist eine Wolfshündin an meiner Leine, die jagt, ist sehr wählerisch was soziale Kontakte betrifft und wurde einst für das Militär gezüchtet. Außerdem mobbt sie gerne Schwächere und wird nicht gerne ewig von Menschen angestarrt, die darüber sinnieren, ob sie wohl ein echter Wolf ist.
Und ja, die kommt zwar aus dem Tierschutz, hatte aber keine schwere Kindheit, im Gegenteil.
Ich lebe nicht mit diesem Hund zusammen, weil ich sie für einen besseren Menschen oder einen Regenbogenengel halte.

Ich bin auch leider nicht mit übersinnlichen Fähigkeiten ausgestattet, die mich alle Dinge in einer Glaskugel vorhersehen lassen und meine Reaktionsschnelligkeit ins Unermessliche steigern.

 

Warum trägt Ilva einen Maulkorb?

 

Nein, es ist nicht immer die feine englische Art meines Hundes, aber genau deswegen trägt sie ja einen Maulkorb.
Trüge sie Diesen nicht, könnte ich kaum an ihren Themen arbeiten, ohne Andere und mich selber in Gefahr zu bringen.
Ich könnte auch keinen Besuch mehr empfangen, der nicht mindestens auf dem Fortgeschrittenen Level Hundesprache spricht.

Außerdem müsste ich die ganze Zeit auf den Hund fixiert sein und ständig andere Hunde retten(muss ich so eigentlich auch), die unangeleint in uns herein rennen. ‚Der tut nichts‘. Ja ok, voll süß, meiner aber.
All das macht sie noch lange nicht zu einem ausschließlich gefährlichen oder gänzlich unberechenbaren Hund, der sich durch das Verhalten die Daseinsberechtigung verspielt hat.
In erster Linie macht sie das zu einem Hund.

Ich sehe jeden Hundehalter in der Verantwortung alles (Menschen)mögliche zu tun, den eigenen Hund so gut zu sichern und im Griff zu haben, dass kein anderes Lebewesen durch ihn zu Schaden kommt.
Damit will ich nicht sagen, dass es grundsätzlich jeden Konflikt unbedingt zu vermeiden gilt.
Hunde dürfen und sollen untereinander kommunizieren, solange es auf einer gesunden, vertretbaren Basis geschieht.
Einige Situationen können unvorhersehbare Reaktionen hervorrufen. Unfälle und Verletzungen sind leider unvermeidbar. Das Ausmaß hingegen lässt sich mit ein wenig Verstand ganz gut eingrenzen.

Ich wäre dafür, dass wir die Kirche einfach mal wieder zurück ins Dorf bringen.

Ja, mein Hund kann beißen. Ja, das hat sie auch schon getan. Und nein, das macht mir absolut nichts aus.
Sie ist ein Hund (und ein bisschen Wolf), keine Maschine.
Sie funktioniert nicht, sie lebt.

9 Replies to “Das Märchen vom Hund, der niemals beißt

  1. Tja,gut geschrieben, aber was dem einen sein Wolfshund, ist dem anderen der Pitbull,der Ferrari, die Protz-Jacht…. Tatsächlich sieht es aber in der Realität so aus,dass es wirklich Hunde gibt,die niemals “beißen”,die also ihr ganzes Leben lang weder im Spiel noch im “Ernst” ihre Zähne als Werkzeug benutzt haben,außer zur Futterzerkleinerung….und ich besitze nicht nur selbst so einen, sondern kann auch viele benennen. Vielmehr sehe ich den Hintegrund des Artikels darin,dass es scheinbar vielen Menschen schwer fällt ihre subjektive Situation,-Sichtweise, -Lebenseinstellung und -Denkweise nicht immer auf andere zu projizieren….Ja ich finde Wolfshunde z.B. zu 99.9 % mega überflüssig und gäbe es einen Knopf ,so würde ich sie gerne zum Planeten “Sonstwo” beamen, aber ebendso gibt es viele andere Hunde,Menschen, Dinge, Existenzen, die ich dort auch sehr gerne hinbeamen würde…Gibt es diesen Knopf? Nein! Was mache ich nun? Die Co&Existenz akzeptieren. Ein Märchen ist :”eine überlieferte Geschichte,mit einer einfachen Handlung,die eine Moral ausdrückt”….das ist wohl hier eher der Casus Knacktus… leben und leben lassen ,sollte das Motto sein, akzeptieren, dass es viele andere und noch viel mehr anderes gibt.Und sich um seinen eigenen Mißt kümmern,dann hat jeder genug zu tun….

    1. Danke Duki! Und cool, das von einer nicht Hundehalterin zu lesen! Ich würde jetzt ein Herz einfügen, wenn ich wüsste wie es geht. To be continued.

  2. Dass das super geschrieben ist, dem kann ich mich nur anschließen! Und vor allem ist es ein ganz tolles Plädoyer dafür, dass ein Hund letztendlich “nur” ein Hund ist und sein Verhalten – so unerwünscht es für den Menschen auch sein mag – für ihn nur ein ganz normales, hundetypisches Verhalten ist!

  3. Ein toller Artikel! Ich sehe es genauso. Wenn man sich einen Hund anschafft, sollte man wissen, was die typischen Wesenszüge der Rasse sind und auch damit umgehen können. Ich habe nun schon den dritten Kuvasz und hatte nie Probleme. Aber es ist definitiv eine Rasse, die snders zu Händen ist als zb ein Golden Retriever. Wenn man sich dessen bewusst ist, klappt das Zusammenleben mit Mensch und Tier sehr gut!

  4. Ich würde mir viel mehr Hundehalter wünschen, die so sind – ihre Hunde also ehrlich einschätzen und entsprechend mit ihnen umgehen, anstatt irgendwelches Wunschdenken wie “der beißt nie”, “der will nur spielen”, “der tut nix” … von sich zu geben.
    Würde auch einem Nicht-Hundehalter wie mir, der ja aber die Straßen und Wege doch mit vielen Hunden teilt, das Leben deutlich erleichtern.

    Übrigens: bei mir sorgt ein angeleinter Hund mit Maulkorb für mehr Vertrauen in die Situation als so mancher ohne Maulkorb – zu viele Fälle schon erlebt, wo mich Hunde fast zu Fall gebracht haben (ob mit Fahrrad oder beim Laufen), weil es den Haltern egal ist, was der Hund tut, oder sie es sogar toll finden, daß die auf alles hinspringen, was sie nicht kennen, um es “zu begrüßen”

  5. Ein lehrreiches Märchen, danke! Meinem Kind würde es auch sehr interessant! Die Hunde beißen nicht wegen eines guten Lebens. Der eine hat meinen Freund echt ins Bein in der Sprechstunde gebissen, der sollte sogar sich schutzimpfen lassen. Hätte er eine Berufshaftpflichtversicherung, könnte er was zurückbezahlt bekommen.
    Unter Aggression leiden nicht nur die Hunde, sondern auch wir, die Menschen, wovor wir uns immer schützen wollen. Danke für die Anregungen zum Nachdenken!

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