Cosmo hatte sich eine Kralle herausgerissen und natürlich nicht in einem einzigen Moment gejault oder bemerkbar gemacht, dass er sich verletzt hat.

Die Kralle hatte bereits aufgehört zu bluten und schien soweit in Ordnung zu sein. Was die Menschen im Bus gedacht haben, will ich gar nicht wissen. Zum Thema Blut fällt mir übrigens noch eine Geschichte ein…

Eines Abends stieg ich mit Cosmo in den Fahrstuhl, er lief brav hinter mir her und drehte sich kurz nach dem Einsteigen noch mal um, um sich zu kratzen. In dem Moment fiel die Fahrstuhltür zu und er schrie. Die Tür hatte ihn an der Hinterhand erwischt, doch er humpelte nicht und zeigte sich auch sonst unauffällig. Wir gingen unsere Runde und kamen eine Stunde später zurück nachhause. Ich ging in die Küche und bereitete sein Futter vor. Auf dem Rückweg entdeckte ich Bluttropfen auf dem Boden. Ich lief ein paar Schritte weiter und sah, dass ebenfalls die Wand blutverschmiert war. Ich schnappte mir Cosmo und suchte ihn ab. Es war nichts zu finden.

Ich fand immer mehr Blut in der Wohnung und bekam Angst. Woher kam es, wenn nicht von Cosmo oder Cloé? Ich rief meinen Bruder an und erklärte den Sachverhalt. Er machte sich auf den Weg nachhause. Irgendwann sah ich, dass auch auf Cosmos Platz ziemlich viel Blut war und nahm ihn erneut unter die Lupe. Ich setze ihn in die Badewanne und ließ Wasser über ihn laufen, in der Hoffnung, dass sich Blut im Wasser finden würde. Und das tat es auch. Es kam von der Rute. Rückblickend betrachtet, muss er sich die Rute in der Fahrstuhltür geklemmt haben, das habe ich aber in dem Moment nicht gesehen. Fachmännisch wickelte ich einen Verband drumherum und die Sache war erledigt.

Dobermann Schwanz eingeklemmt

Cosmo war einfach eine Wundertüte, ein Mal hat er sogar versucht vom Balkon zu springen. Aus dem vierten Stock. Ich konnte ihn noch abfangen, aber es war knapp.

Cosmo hatte sich mittlerweile vollständig von der OP erholt und bald stand ein neuer Termin mit Marc an. Wir trafen uns im Stadtpark. Es ging noch immer um die alten Themen und irgendwie trat keine Besserung ein, ich musste mir eigentlich einen neuen Job suchen und so langsam mal wieder ein normales Leben führen. Sagten zumindest alle. Ich könne ja nicht nur für diesen Hund leben. Da ich zu dem Zeitpunkt arbeitslos war, musste ich mir für die letzte OP Geld leihen. Kam nicht so gut an, wo doch alle schon vorher wussten, dass der Hund keine gute Idee war. Auch das Hundetraining zahlte sich nicht von selber. An diesem Tag wollten Marc und ich mal schauen, was Cosmo so macht, wenn wir ihn ableinen.

Cosmo schoss los wie eine Rakete. Zeitgleich muss Marcs Hund ein Eichhörnchen gesichtet haben und so rannten wir beide in verschiedene Richtungen los, um unsere Köter wieder einzufangen. Irgendwie war es ziemlich beruhigend zu sehen, dass auch Marc einfach ein Hundehalter war und die Dinge manchmal eben so sind, wie sie sind. Cosmo, schlau wie er war, sprang zum Glück über eine Mauer, weil er nicht wusste, dass es dahinter nicht weiterging. So konnte ich ihn wieder einfangen. Wir übten danach weiter an der Leinenführigkeit und setzten uns dann in ein Café. Während Cosmo fröhlich seine Lieder trällerte, sprachen wir darüber, ob ich schon mal in Betracht gezogen habe, ihn abzugeben.

Und jetzt meine Lieben, beginnt der Anfang vom Ende.

Ich sagte Marc, dass ich darüber nachgedacht habe, aber nur, weil es ihm vielleicht woanders besser ginge, mit Menschen, die mehr Sachverstand haben. Außerdem hatte ich zu dem Zeitpunkt eine Freundin, die als Letzte noch manchmal auf Cosmo aufpasste und mir immer wieder sagte, dass der Hund nicht normal wäre und ich ihn weggeben soll. Zu meinem Besten. Alle warteten darauf, dass er endlich normal würde oder wegkommt und ich wieder anfange, mein altes Leben zu leben. Der Druck und das Gefühl in mir, einen Hund kaputt zu machen, wurden immer größer. Ich sah andauernd andere Menschen mit ihren Hunden, sie sahen so entspannt aus. Sowohl die Hunde als auch die Halter. Ich wusste ja, dass wir irgendwie nicht so dem Standard glichen. Außerdem hatte die Wohnungsgesellschaft meine Unterschriften nicht akzeptiert.

Dobermann Welpe

Die Nachbarn dachten sich Gerüchte aus, dass Cosmo Cloé gefressen hätte und aggressiv gegenüber Kindern wäre. Nächtelang saß ich weinend zuhause mit Cosmo im Arm und entschuldigte mich bei ihm, dass ich ihn nicht verstand und er mich auch nicht. Ich wollte nur das Beste für ihn und nach allem, war das wohl leider nicht ich.

Schweren Herzens beschloss ich, irgendwas zu unternehmen.

Ich fand die Dobermann Nothilfe im Internet und bat dort um Hilfe, doch auch sie hatten keine geeigneten Besitzer und fanden, er wäre ein schwieriger Fall. Seit Monaten konnte ich nicht mehr ohne ihn das Haus verlassen, arbeiten gehen oder mich mit Freunden treffen. Ich war ein Mal bei einer Hundemesse, doch als ich gerade dort ankam, klingelte auch schon mein Telefon. Cosmo hatte Cloé in einer Futtersituation angeknurrt, ich fuhr sofort nachhause. Cloé konnte Cosmo problemlos alles klauen, was ihm gehörte und hatte ihn fest im Griff. Die Situation war für mich unerklärlich. Ich eilte nachhause und saß dort auf dem Sofa. Verzweifelt.

Ich weiß noch, wie ich einen Text für Ebay Kleinanzeigen verfasste. Ich suchte eine Pflegestelle, damit ich mein Leben sortieren, weit weg ziehen und einen Job finden konnte, der kompatibel war. Und ich wurde fündig. Ich fand tatsächlich Menschen, die sich mit schwierigen Hunden auskannten und mitten im Wald wohnten. Ich besuchte die Familie und stellte Cosmo dort vor. Er verstand sich mit den Hunden und auch mit den Menschen. Ich war höchst motiviert, alles zu ändern und ihn sofort zurück zu holen, sobald ich alles im Griff hätte. Kurz bevor ich Cosmo dort abgeben wollte, sagte mir die Pflegestelle wieder ab. Aus persönlichen Gründen, die ich gut nachvollziehen konnte.

Was jetzt?

Ich hatte einen so guten Plan und stand doch wieder am Anfang. Cosmos Themen wurden nicht besser und ich isolierte mich zunehmend. Ich entdeckte Alkohol für mich, damit ich wieder durchschlafen konnte. Und schon wieder was ich an einem Punkt in meinem Leben, an dem ich keine Lust mehr hatte, weiterzugehen. Cosmo war doch der Retter in der Not und wir würden gemeinsam ein wunderbares Leben führen. Nun fühlte ich mich wie eine Wahnsinnige, die einen Hund verzogen hat, der nun ebenfalls verrückt war. Der jährliche Impftermin stand an und ich fuhr mit Cosmo zum Tierarzt. Die Tierärztin kannte Cosmo bereits und fragte mich, ob ich ihn denn nicht abgeben wolle um mir einen gepflegten Mischling anzuschaffen, der nicht so viele Probleme mache. Ich konnte es verstehen und war traurig.

Sie sagte, dass Cosmos Verhalten vielleicht auf eine Epilepsie deuten würde und sie ihn gerne kastrieren würde, falls die Epilepsie ausbräche, wäre jetzt der bessere Zeitpunkt. Ich willigte ein. Cosmo hatte eine kleine Stelle am Hals, ich bat sie nachzuschauen, was es damit auf sich hat, da auch diese Wunde nicht zu heilen schien.

Als ich Cosmo wieder abholen wollte, war er von den Ohren an, bis zur mitte des  Rückens kahl rasiert. Er hatte einen schrecklichen Ausschlag auf der Haut, daher die sichtbare Wunde am Hals. Er war sehr anfällig für alle möglichen Krankheiten, da es Hochsommer war und er nun nicht mehr in die direkte Sonne durfte, war wieder weniger Bewegung angesagt. Ich musste ihm tagsüber ein T-Shirt anziehen, damit keine Sonne auf die Haut kam und ihn zwei Mal am Tag baden und eincremen. Schon wieder war er unausgelastet und ich musste mir für die Tierarztkosten Geld leihen.

Es hörte einfach nicht auf. Es schien, als wäre die ganze Welt gegen mich. Gegen Cosmo und mich. Vielleicht war ich einfach keine geeigente Hundehalterin.Vielleicht war wirklich alles meine Schuld und Cosmo hätte es woanders viel besser, ohne mich.

Ich gab auf.

Dobermann

Ich inserierte Cosmo im Internet und schon bald meldete sich eine Familie. Sie wohnten alleinstehend, arbeiteten selbstständig und hatten schon mehrere Dobermänner. Sie waren so nett und machten einen tollen Eindruck. Er hatte dort einen Garten zum Spielen und einen Kater, als Freund. Die Freundin, die mir zur Abgabe riet, bot mir an, mit mir dort hinzufahren. Ich ging jeden Abend weinend ins Bett und wachte weinend auf. Ich wollte ihn nicht abgeben, aber ich wusste auch nicht, was ich sonst tun sollte. Keiner hatte mehr Verständnis für uns und hinter meinem Rücken, redeten alle über mich, als wäre ich die größte Versagerin der Nation. Es würde ihm dort besser gehen, sagten sie. Und ich würd eine tolle Entscheidung treffen.

Die Familie war wirklich nett und das Haus wunderschön. Ich war ehrlich was das Verhalten von Cosmo betraf und sie sagten, sie würden sich damit auskennen. Sie hatte ihr eigenes Büro, wo er immer mitkommen dürfte.

Und so gab ich Cosmo ab.

Alles in mir sträubte sich, aber ich wusste einfach nicht weiter. Ich wusste, dass es nicht richtig ist. Aber ich kannte die Lösung noch nicht. Ich dachte, dass ja irgendwie alle recht haben müssen und ich wahrscheinlich einfach keinen objektiven Blickwinkel mehr habe. Ich war so unfassbar unglücklich, aber ich ließ ihn dort. Er schrie noch, als ich das Haus verließ und es zeriss mir das Herz. Aber endlich hatte er ein Zuhause, wo es keine Nachbarn gab, die es hassten, wenn er schrie. Auf dem Weg nachhause, plante ich die nächsten Wochen, was ich alles tun würde, jetzt wo ich wieder einfach rausgehen konnte. Ich trank mich unter die Tische des Hamburger Nachtlebens und lernte meinen damaligen Freund kennen. Ich hielt stetigen Kontakt zu Cosmos neuer Familie, die ihn Kenzo nannten. Es lief gut, sagten sie. Ich suchte mir eine neue Wohnung, eine WG in der Hamburger Innenstadt und einen neuen Job, den ich übergangsweise ausüben wollte.

Mein Leben ging bergauf, möchte man meinen, doch alles was ich wollte, hatte ich in einem schönen Haus, irgendwo im nirgendwo, sitzen lassen.

Ich versuchte mich glücklich zu kaufen, glücklich zu saufen und war ständig unterwegs. Nach außen mag es ausgesehen haben, als nutzte ich meine Freiheit, aber in Wahrheit habe ich es einfach keine Sekunde alleine mit mir ausgehalten. Ich habe allen Menschen von Cosmo erzählt, oft geweint und wurde ständig wütend. Ich hasste den ganzen Scheiß. Ja, ich hatte jetzt einen Freund, konnte hingehen wo ich wollte und hatte Arbeit. Und wirklich schöne Handtaschen. Aber  glücklich war ich nicht. Ich wünschte mir so oft, dass ich Cosmo zurückbekommen würde. Oft lief ich nachts alleine spazieren, heulte mir die Augen aus dem Kopf und überlegte, wie ich den Hund wiederbekommen könnte. Ich weiß noch, dass ich mal zu der Freundin, die Cosmo mit mir wegbrachte, sagte, dass ich eines Tages wieder einen Hund haben wollen würde und dann alles anders machen würde. Sie entgegnete:‘ Bist du verrückt? Du hast doch schon einen Hund versaut‘.

Wir haben uns nie wieder gesehen. Bis heute.

Wisst ihr, ich schreibe den Blog wirklich nicht, weil ich jetzt vorführen möchte, wie glücklich ich mit meinem Wolfshund und Buri in der City lebe, sondern weil ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man am Boden liegt und die ganze Welt noch nachtritt.

Weil ich weiß, wie komisch und chaotisch es manchmal aussieht, wenn man seinem Herzen folgt. Und das es oft kein Mensch versteht. Aber es ist immer richtig. Immer.

Es hatten alle vergessen, warum ich mir Cosmo angeschafft habe und wie es mir vorher ging. Als wäre es egal, wie es in mir aussieht. Hauptsache ich sehe von außen gut aus und lasse mich brav zu allen Anlässen blicken. Ich hatte mich gar nicht mehr getraut, jemandem zu sagen, dass ich ziemlich unzufrieden war und versuchte mein vermeintlich schönes Leben fortzusetzen.

Mein einziger Halt war Cloé.

Cloé war für mich schon damals eine Elfe, ohne die ich mir ein Leben gar nicht hätte vorstellen können. Mit ihr war alles in Ordnung. Sie kannte zu jedem Zeitpunkt als Einzige die ganze Wahrheit über mich.  Ich lebte Tag ein, Tag aus und wartete auf den Zeitpunkt, an dem ich Cosmo endlich in der Vergangenheit lassen konnte. Ich wohnte in einer WG, unter Anderem, weil ich nachts nicht mehr irgendwo alleine schlafen konnte. Die Panikattacken kamen wieder. Doch ich ging ihnen einfach aus dem Weg oder löste sie mit Alkohol. Kurz vor Weihnachten erhielt ich per Facebook eine Nachricht. Es war Cosmos neuer Besitzer. Ich weiß nicht mehr genau, wie es wortwörtlich war, aber ungefähr so:‘ Liebe Elena, der Hund ist wirklich ein Schatz. Da wir uns beruflich verändern, kommen wir leider nicht Drumherum, dich zu fragen, ob du den Hund zurücknehmen kannst. Du müsstest ihn allerdings in den nächsten zwei Wochen abholen, sonst würden wir ein neues Zuhause  suchen‘.

Noch heute freue ich mich, wenn ich an diesen Moment denke. Das Universum oder wer auch immer, hatte mich erhört.

Dank dem Schutzvertag, mussten die Besitzer mich zuerst informieren, wenn sie Cosmo abgeben wollten. Sie nannten ihn ‚den Hund‘ in der  Nachricht, das fand ich abstoßend.

Ich konnte Cosmo unmöglich zu mir holen, da ich mitten in der Stadt in einer WG lebte und im Schichtdienst arbeitete. Doch das war mir egal. Ich sagte den Besitzern, dass ich ihn abholen würde und begann, einen Plan zu schmieden.

2 Replies to “Cosmo – die Vierte

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