Über Marc gelangte ich an eine Hundepension, die leider voll war, doch diese wiederum empfahl mir eine andere Hundepension. Dreihundert Euro sollte ich monatlich für Cosmos Unterbringung zahlen. Ich hatte keinen müden Cent auf der Naht und zahlte noch immer die Tierarztschulden ab. Doch das war mir egal, ich beschloss einen Kredit aufzunehmen, Cosmo dort unterzubringen und mir eine neue Wohnung zu suchen. Mein damaliger Freund war nicht begeistert, konnte aber nichts gegen meine Entscheidung tun. Ich war so glücklich und mein Umfeld erschüttert. Wie konnte ich das tun? Alle taten so, als würde ich in eine Kreissäge laufen und mir mein eigenes Grab schaufeln. Wenn du das machst, dann: wird sich dein Freund von dir trennen, landest du unter einer Brücke, hast du völlig den Verstand verloren. Doch das war mir alles so egal. Ich wusste, dass das nicht ohne Grund geschieht. Und wisst ihr was, ich war auch etwas schadenfroh. Denn Cosmo war mein Hund. Und sein Name war nicht Kenzo oder der Hund. Sondern Cosmo. Und offensichtlich war ich nicht die Einzige, die etwas überfordert mit ihm war.

Wie hätte ich es nicht tun können? Und so holte ich mir meinen Hund wieder.

Ich war der glücklichste Mensch der Welt, als ich ihn wieder sah. Sie erzählten mir, dass er einen Skateboardfahrer jagte und nur der Mann in der Familie mit ihm Gassi gehen konnte. Ich war verwundert, ich hatte doch erzählt, wie er ist. Aber wer nimmt schon ein junges Mädchen ernst, was nicht mit ihrem Dobermann zurechtkommt. Kann schon nicht so schlimm sein, werden sie sich gedacht haben. Cosmo war dünn geworden. Wir fuhren sechs Stunden bis zu dem Hundehotel, es waren die schönsten sechs Stunden meines Lebens. Doch Cosmo hatte sich verändert. Er sah traurig aus und ich hatte ein unfassbar schlechtes Gewissen. Ich wusste, dass ich ihn jetzt nicht mit zu mir nehmen konnte. Und doch war ich davon überzeugt, dass am Ende alles gut werden würde.

Spät abends kamen wir in der besagten Einrichtung an.

Ich gab ihn dort ab und ging davon aus, dass ihm die dortige Haltung und die fachkompetenten Menschen gut tun würden. Jahre später wurde ich eines besseren belehrt. Ich konnte nichts mehr daran ändern, aber ich kann heute besser verstehen, warum Cosmo danach war, wie er war. Parallel suchte ich mir eine neue Wohnung, sparte das Geld des Kredites und zog um. Ich kündigte meinen Job und beschloss, drei Monate intensiv mit Cosmo zu arbeiten und noch mal neu anzufangen. Ich war fest davon überzeugt, dass es diesmal ein gutes Ende nehmen würde. In der Zwischenzeit besuchte ich Cosmo  ab und zu, er sah von Mal zu Mal schlechter aus. Die Leute in der Einrichtung sagten mir, dass es ihm nicht gut täte, wenn ich ihn besuche, da er danach immer in eine tiefe Depression fallen würde. Außerdem hätte es einen Beißvorfall gegeben und ich solle ihn halten, wie einen gefährlichen Hund. Also durchgehend mit Maulkorb. Er biss laut den Aussagen zu, weil er durch vorbeifahrende Autos eine Reizüberflutung erlitt und als Ventil in die nächstgelegene Wade schnappte.

Das war zwar nicht schön, aber nichts hätte mich davon abbringen können, Cosmo nachhause zu holen.

Ich holte ihn ein Mal gemeinsam mit meinem Exfreund zum Spazieren gehen ab. Die beiden verstanden sich gut. Mein Exfreund beschloss ein Stück mit ihm zu laufen, bevor ich etwas sagen konnte, rannte er los. Keine gute Idee. Cosmo und schnell laufen, wirklich keine gute Idee. In der Ferne sah ich meinen Hund in den Arm des Mannes springen und überlegte kurz, wohin ich wohl fliegen würde, mit meinem one way Ticket. Ich überlegte einfach umzudrehen und für immer abzutauchen. Ging aber trotzdem weiter und sah, dass Cosmo nur die Jacke erwischt hatte und die Beiden um die Wette zerrten. Ich schrie:‘ Cosmo, AUS‘. Er ließ los und die Beiden kamen ziemlich bedröppelt auf mich zu. ‚Also mit Cosmo sollte man lieber nicht rennen oder spielen. Oder generell irgendwas machen, was ihn hochspult‘, sagte ich. Das Schöne ist, Männer sind Männer.

Natürlich war es überhaupt gar nicht so schlimm und mein Exfreund konnte darüber lachen. Wenn ich mit dem Hund irgendwie zurechtkomme, dann schafft das die männliche Spezies doch erst recht. Oft traf ich Männer dieser Art bei Spaziergängen, die meinten, ich könnte ihnen Cosmo mal zwei Wochen geben, sie würden ihn schon erziehen. Man, war ich beeindruckt. Das Testosteron hätte mich beinahe angesteckt und ich hätte vor lauter coolness fast den potenziellen Hundetrainern direkt ins Gesicht geschlagen. So männlich war ich dann aber doch nicht.

Wo rohe Kräfte sinnlos walten, wird mein Hund sicher nicht die Klappe halten. Aber gut, zu diesem Thema werde ich sicher noch mal einen Artikel schreiben.

Nach langem Suchen fand ich endlich einen Vermieter, der zustimmte, dass ich mit zwei Hunden in die Wohnung einziehen darf. Er hatte selbst einen Hund und ist bis heute der beste Vermieter, den ich mir vorstellen kann. Ich bezog meine neue Wohnung und richtete alles ein, der Tag an dem Cosmo wieder einziehen durfte, kam immer näher. Ich holte ihn nach fast sechs Monaten wieder ab. Endlich hatte ich ihn wieder. Ich weinte den halben Tag vor Glück, Cosmo war jetzt Maulkorbträger und ich hatte eine ziemlich beschissene Frisur. Wir passten gut zusammen.

Ich suchte mir von Anfang an eine neue Trainerin, die mir empfohlen wurde. Gülay war eine der besten Entscheidungen, die ich in der gesamten Cosmogeschichte traf. Ich erzählte ihr die ganze Story und wir machten uns gemeinsam auf die Reise. Sie hatte Verständnis und gab sich die größte Mühe, uns zu helfen. Cosmo hatte sich in der ganzen Zeit sehr verändert. Sein Blick war ein anderer, er hatte viel erlebt. Erst Jahre später wusste ich, dass seine Erlebnisse weniger schön waren, als ich zu diesem Zeitpunkt zu wissen glaubte. Ich erinnere mich an einen Tag, als ich mit ihm am Höltigbaum spazieren war. Er spielte mit einem Hund auf der Wiese. Zehn Meter weiter saß ein junges Mädchen auf einem Plastikstuhl. Jeder der den Auslauf am Höltigbaum kennt, kennt auch die Plastikstühle.

Das Mädchen stand auf und Cosmo sprang aus dem Spiel auf sie zu und setzte sie wieder hin, wir haben uns alle erschrocken. Ich sah es nicht kommen, keiner sah es kommen. Er rannte sofort wieder zurück und spielte weiter.

Ein anders Mal kam ein alter Hundeprofi auf uns zu, er wollte Cosmo streicheln, ich rief ihm zu, er solle es lassen, doch da war es schon zu spät. Er griff zu seinem Kopf und Cosmo wurde steif wie ein Brett. Ich rief erneut, dass er einen Schritt weggehen soll und in dem Moment sprang Cosmo ihm direkt zwischen die Beine. Zum Glück trug er einen Maulkorb. Der Mann suchte die Schuld natürlich: bei Cosmo.

Ich arbeitete stetig an Cosmos Verhalten und wollte nicht aufgeben.

Ich weiß noch, dass ich ein Mal einem Fahrradfahrer begegnete. Cosmo wollte auf ihn zu stürmen und ich rang ihn zu Boden, damit ich ihn besser halten konnte. Der Fahrradfahrer blieb stehen und beleidigte mich als Tierquälerin. In solchen Momenten hätte ich Cosmo gerne einfach losgelassen. Bitteschön, lieber junger Mann. Ich bin sicher, er hätte die Hilfe der Tierquälerin dann doch gerne in Anspruch genommen. Langsam aber sicher gewöhnte ich mich an alles. Die Menschen, die Blicke, die blöden Kommentare. Ich baute mir ein Leben mit Cosmo auf. Es war hart, aber jede Sekunde wert. Wir erzielten keine großen Erfolge, aber mein Management wurde immer besser.

Ich versuchte es mit einem Thundershirt, massierte Cosmo regelmäßig nach Gülays Anleitung und rief sie nahezu tagtäglich an, um zu berichten, wie es läuft. Ich bin dir bis heute unendlich dankbar, liebe Gülay. Wir fanden immer neue Wege und Techniken, die wir ausprobierten um die Probleme in den Griff zu kriegen. Cosmo konnte sogar schon dreißig Minuten alleine sein, wenn er einen guten Tag hatte. Alles lief gut, bis auf das Geld. Ich lebte quasi von Luft und Liebe und der Bank. Alles steckte ich in Cosmo, sein Training, den Tierarzt und nochmal das Training. Ich ließ sogar ein MRT machen, nachdem mir mehrere Tierärzte im Laufe der Zeit bereits angeboten hatten, ihn einzuschläfern. Ich wollte wissen, ob vielleicht wirklich was mit seinem Hirn nicht ok war. Im Falle eines Befundes beschloss ich, das Angebot der Tierärzte anzunehmen. Ich wusste, wenn er wirklich einen physiologisch bedingten Schaden hätte, könnte ich mein Umfeld und mich nicht mehr schützen und wenn dann jemandem was passiert, hätte ich die hundertprozentige Schuld.

Ich glaube heute, dass Cosmo einfach behindert war. Wie er aufwuchs, meine Fehler – all das trug nicht dazu bei, dass Cosmo sich zu einem halbwegs ‚normalen‘ Hund hätte entwickeln können. Doch all das trug dazu bei, dass ich heute ich selbst sein kann. Ich bin so dankbar für alles, was ich durch Cosmo lernen durfte, die wertvollen Erfahrungen, die Arbeit an mir selbst.

Er war das Gegenteil des Hundes, den ich haben wollte, aber genau der Hund, den ich brauchte.

One Reply to “Cosmo – die Fünfte”

  1. da kannst du total stolz drauf sein,Elena😘Du weißt: “Aufgeber gewinnen nie und Gewinner geben nie auf”! In diesem Falle hast du unvergessliche Erfahrungen gesammelt und die alles dir mögliche getan ,um ihm ein lebenswertes,artgerechtes Leben zu ermöglichen und er? Er hat deinen Lebenswillen gerettet,also dich und deine Zukunft😐Es wäre soviel einfacher gewesen, wenn das liebe Geld einem nicht schlaflose Nächte bereiten würde.Aber liebe Elena: sei stolz auf dich und Cosmo, er hat dich gebraucht und du ihn….Damit ist alles gesagt💋💖

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