Es war soweit, der neue Hundetrainer, Marc Dräger, sollte zu uns kommen. Ich war schon ziemlich aufgeregt und hoffte, Cosmo würde sich nicht von seiner allerschlechtesten Seite zeigen.

Es klingelte und Cosmo fing, wie bei jedem Geräusch, lautstark an zu bellen. Marc stand vor der Tür.

Ich versuchte Cosmo zu beruhigen, öffnete die Tür und da war er. Marc, gefühlte zwei Meter groß, einen Handschlag wie ein Elefant. Er musterte mich von oben bis unten und klopfte mir zunächst auf den Rücken mit den Worten:‘ Mach dich doch ma‘ gerade, Mädchen‘.

Ich wusste, die Nummer wird gut.

Endlich jemand, der nicht im Hundewauwau Slang mit mir sprach und irgendwie kernig war. Ich bat Marc herein und stellte ihm ein Glas Wasser auf den Tisch, welches Cosmo fünf Sekunden später auf den Boden warf. Tja, willkommen in meinem Leben. Ich berichtete zunächst, was bisher alles geschah und Marc machte eine Bestandsaufnahme der Wohnung und meinem alltäglichen Umgang. Einfachste Dinge wie herumliegendes Spielzeug, dauernd zugängliches Futter usw. waren mir bis dato nicht aufgefallen und vor allem nicht die Zeichen, die ich damit setzte. Außerdem durfte Cosmo auf das Sofa und überall hin, wo er wollte. Ich musste ihn sogar mit zum Duschen nehmen, weil er sonst schreiend vor der Tür stand. Ich wollte so wenig Aufsehen wie möglich erregen, um meine Nachbarn nicht noch weiter gegen mich aufzubringen. Marc erklärte mir das Hunde 1×1 und machte mir deutlich, dass ich viele Dinge ändern musste, um die Segel für unsere weitere Reise vernünftig zu setzen.

Zum ersten Mal verstand ich, wie ich mit einfachen Veränderungen die Vorarbeit für alle anderen Themen leisten konnte. Kein Spielzeug mehr wann immer er will. Futter zu festen Zeiten. Die Wohnung war nicht mehr Cosmos Kletterwald, sondern ich entschied, wann er auf das Sofa springen darf und wann nicht. Auch das ständige verfolgen, was ich für ein starkes Nähebedürfnis hielt, sollte ich unterbinden. Die Zeiten der Doberman Kontrolletti Patrol waren vorbei.

Da Cosmo jetzt nicht unbedingt hörte, wenn ich versuchte ihm irgendwas zu verbieten und es in einer ewigen Diskussion endete, hatte Marc auch hierfür einen Plan. Ich sollte generell zwei Wochen lang nicht mehr mit ihm reden, wenn wir in der Wohnung waren. Ich lernte über Körpersprache zu kommunizieren und leere Plastikflaschen auf den Boden zu pfeffern, wenn er seine Brüllattacken startete oder schreiend vor der Badezimmertür saß. Marc war gelassen und gab mir neuen Mut, die Sache mit meinen neusten Erkenntnissen anzugehen. Ich war zum ersten Mal nicht mehr so verzweifelt und setzte das neu erlernte Verhalten um.  In den nächsten zwei Wochen hielt ich mich an unseren Masterplan und konnte Marc immer anrufen, wenn irgendwas nicht funktionierte. Eines Morgens als ich die Post holen wollte, fand ich eine offene Gassitüte, gefüllt mit Hundekot in meinem Briefkasten. Außerdem lag dort ein kleiner Liebesbrief, dass ich die Scheiße meines Hundes gefälligst wegräumen soll. Ich kann ehrlich gesagt nicht mehr sagen, ob ich den Kot wirklich so oft liegen lassen hab, nett war es trotzdem nicht. Außerdem fühlte ich mich nun jedes Mal wenn ich das Haus verließ beobachtet. Ich ging oft mit Cosmo zum Stöckchen spielen auf eine Wiese, die an mein Haus angrenzte. Doch dort war ich auch nicht mehr willkommen, die Menschen brüllten vom Balkon, dass dies keine Hundespielwiese wäre und ich mit dem Kampfhund woanders hingehen soll.

Dobermann

Kurz nach meiner Kackepost erhielt ich einen Brief von der Wohnungsgenossenschaft. Die Nachbarn hätten sich über meinen Hund beschwert und ich würde eine Kündigung erhalten, wenn sich noch mal jemand beschwert.

Ich lebte in einem relativ großen Plattenbau, mit ziemlich vielen Nachbarn. Doch es gab eine alte Dame, von der ich wusste, dass sie diejenige gewesen sein muss, die sich beschwert hatte. Meine beiden direkten Nachbarn waren tollen Menschen und liebten Cosmo. Sie hatten selber mal Hunde und wussten, wie wichtig er mir war. Eine Nachbarin kam auf die Idee, dass ich Unterschriften sammeln könnte, von denen, die die dafür wären, dass Cosmo und ich bleiben dürften.

So zog ich los und klingelte mich durch den Plattenbau, ich erklärte allen wer ich war und stellte Cosmo vor.

Außerdem erzählte ich, was passiert war und sagte jedem, er solle sich doch bitte erst an mich wenden, wenn er sich gestört fühlt und dass ich daran arbeiten würde. Am Ende des Tages hatte ich Unterschriften von der Mehrzahl der Nachbarn und schickte diese mit einem Brief an meine Wohnungsgenossenschaft. Außerdem legte ich mir ein Anti-Bell Sprühhalsband zu. Dies erfüllte seinen Zweck und ich fing an, das alleine bleiben neu zu konditionieren. Gleichzeitig lief mein Arbeitsvertrag aus und aufgrund meiner vielen Fehlzeiten, verlängerte ich diesen nicht. Ich wollte meine ganze Zeit erst mal Cosmo widmen. In einem Nachbarhaus wohnte ein Pärchen, welches ebenfalls einen jungen Hund hielt. Wir trafen uns abends oft zum spazieren gehen und ließen die Hunde spielen. Eines Abends beschlossen wir, gemeinsam in den Stadtpark zu fahren. Es war schon dunkel und die beiden Hunde spielten mit ihren Leuchthalsbändern auf dem Weg. Sie liefen vor uns, sodass wir sehen konnten, wenn uns jemand entgegen kommt und wir sie dementsprechend zurück rufen könnten. Plötzlich rauschte wie aus dem Nichts ein Fahrradfahrer an uns vorbei und fuhr direkt in die beiden Hunde rein. Cosmos Freundin ergriff sofort die Flucht und der Fahrradfahrer fiel samt Fahrrad auf Cosmo. Er kroch unter dem Reifen hervor, direkt in meine Arme. Der Mann auf dem Fahrrad fuhr ohne Licht, er muss uns gesehen haben. Wir ihn natürlich nicht. Er kam von hinten und hätte zumindest klingeln können. Es gab eine wilde Diskussion, die wir allerdings schnell unterbrechen mussten, da der andere Hund spurlos verschwunden war. Wir teilten uns auf und suchten. Der Welpe war weg, es war schon dunkel und wir alle gerieten in eine mitterlschwere Panik.

Ca. eine Stunde später rief die Polizei an, eine Joggerin habe den Hund auf einer Wiese am Rande des Parks gefunden und die Polizei verständigt. Wir waren erleichtert.

Als ich einige Tage später mit Cosmo spazieren ging, bog ich in einen Waldweg ein. Uns kam wieder ein Fahrrad entgegen, Cosmo lief an der Leine neben mir her. Der Fahrradfahrer fuhr extra langsam an uns vorbei. Das war total freundlich und ich bedankte mich. Im selben Moment schnappte Cosmo in sein Bein und ließ sofort wieder los. Völlig perplex stand ich dort und entschuldigte mich bei dem Fahrradfahrer. Er war sehr nett und hatte Verständnis. Es war kein schlimmer Beißvorfall, nicht, dass wir uns hier jetzt falsch verstehen. Aber er hat ihm einfach ins Bein gehackt (ohne ihn in irgendeiner Form zu verletzen). Einfach so. Heute muss ich schmunzeln, ich muss ausgesehen haben wie ein Häufchen Elend neben einem merkwürdigen Dobermann. Hallo, Cosmo? Wo blieb denn da deine Dankbarkeit? Da sind die Leute schon mal nett zu uns und du machst so einen Mist! Ich hätte ihn am liebsten an Ort und Stelle angebunden, mich auf den Gepäckträger des netten Fahrradfahrers geschwungen und wäre in Richtung Freiheit gedüst. Au Revoir verrücktes Tier!

Mein Hund hatte einem Menschen ins Bein geschnappt  und ich habe es nicht mal kommen sehen.

Dobermann

 

Ich vereinbarte einen Termin mit Marc. Wir trafen uns diesmal draußen. Cosmo reagierte schon früh auf Jogger und alles, was sich schnell bewegte. Ich wollte daran arbeiten. Marc machte sich ein Bild von der Situation und brachte mir bei, wie ich an der Leinenführigkeit arbeiten kann. Dies tat ich auch, jedoch blieb der gewünschte Erfolg aus. Irgendwie wollte es einfach nicht funktionieren. Ich perfektionierte den Leinenruck und übte oft. Cosmo wusste irgendwann genau, was er tun sollte und spulte das gewünschte Verhalten ab. Zugehört hat er mir trotzdem nicht. Ich blieb am Ball und wollte nicht aufgeben. Cosmo riss mich einmal so sehr mit, dass ich mir die Schulter auskugelte. Ich lächelte trotzdem weiterhin freundlich, dabei tat es wirklich weh, aber ich wollte nicht, dass jemand denkt mein böser Hund würde mir weh tun.

Dobermann

Irgendwie habe ich gelernt, mit der Situation zu leben und gab die Hoffnung nicht auf.

Eines Nachts wachte ich auf, ich hatte ein komisches Gefühl und Cosmo lag nicht wie gewohnt auf seinem Platz. Ich rief ihn, doch er kam nicht. Ich machte mich auf die Suche und fand Cosmo in einer Ecke in der Küche. Irgendetwas stimmte nicht, doch ich konnte nicht erkennen, was er hatte. Ich nahm ihn mit zu meinem Bett und bald schlief er wieder ein.

Als ich morgens aufwachte, glich meine Wohnung einem See aus Fäkalien. Cosmo hatte sich mehrfach übergeben und Durchfall. Ich ging davon aus, dass er sich einen Virus eingefangen hatte und kochte ihm die berühmt berüchtigte Morosche Karottensuppe, auf die ich bis heute schwöre. Doch Cosmo wollte nichts essen. Als ich mit ihm rausging, fing er langsam aber sicher an, mir große Sorgen zu bereiten.  Er war benommen und total ruhig, kein schreien, kein zerren an der Leine. Cosmo benahm sich normal. Das war das beunruhigendste was hätte passieren können und es machte mir angst.

Hatte er den Dämon vielleicht einfach – entschuldigt meine Wortwahl- ausgekotzt?

Das wäre zu schön gewesen um wahr zu sein. Somit fand ich mich kurze Zeit später wieder beim Tierarzt, es war Samstagmorgen. Der Tierarzt tippte ebenfalls auf einen Virus und gab mir die entsprechenden Medikamente mit. Doch über den Tag wurde Cosmos Zustand zunehmen schlechter. Er aß und trank nicht und bewegte sich immer weniger. Ich wollte den Dämon zurück. Abends fuhr ich wieder zum Tierarzt. Dieser beschloss ihn zu röntgen. Das Röntgenbild war eindeutig, ein großes undefinierbares Stück hatte sich in Cosmos Darm festgesetzt. Er hatte einen Darmverschluss. Der Gegenstand hatte aufgrund der nicht überdimensionalen Größe noch die Chance, auf einem natürlichen Wege Cosmos Körper zu verlassen. Der Tierarzt sagte, dass ich noch eine Nacht abwarten soll. Cosmo bekam für das Erste eine Infusion und weitere Medikamente. Die ganze Nacht saß ich mit ihm zuhause und er tat mir so furchtbar leid. Ich wollte ihm die OP ersparen und bat ihm alles Mögliche zu fressen an.

Ich machte sogar seine Lieblingspizza, die er mir so oft vom Teller riss, doch auch die Pizza konnte es nicht mehr retten.

Dobermann

Früh morgens brachte ich Cosmo zum Tierarzt und er wurde sofort operiert. Ich wartete vor dem OP Raum und ca. drei Stunden später kam er mir wieder entgegen getorkelt. Ich wollte unbedingt wissen, was er wohl gefressen hatte. Ich hatte richtig Angst, dass es irgendwas Peinliches war, wie z.B. ein Lippenstift oder so. Dann wäre ich wieder die Tussi mit dem Dobermann, die nicht mal auf ihre Kosmetikartikel aufpassen kann. Doch dem war nicht so. Cosmo hatte irgendwo ein Stück seines Kongs gefunden, den er Monate vorher kaputt gebissen hatte. Wenn er auf etwas herum kaute, legte er seinen Kopf immer ganz weit in den Nacken und sperrte sein Maul weit auf. Das sah ziemlich komisch aus und ich konnte mir bestens vorstellen, wie er das Ding im Ganzen verschluckt hatte. Ich konnte meine kleine Blume (so sah er mit dem Trichter aus) wieder mit nachhause nehmen und war heilfroh, dass er wieder gesund war.

Überschüttet von Glück, hatte ich noch gar nicht darüber nachgedacht, wie es wohl wird, wenn er jetzt zwei Wochen nicht laufen darf. Leute, ich war sowas von am Arsch.

Ihr glaubt es gar nicht, schon während ich das hier schreibe, muss ich lachen. Die ersten zwei Tage waren noch in Ordnung. Cosmo war noch etwas müde, doch dann ging das Spektakel los. Da ich ihn nun gar nicht mehr körperlich auslasten durfte, überlegte ich mir, ihm Tricks beizubringen. Nach zwei Tagen konnte er Peng, auf die Frage ‚Wer ist deine Mama? ‘ eine Pfote auf meine Bein legen, Küsschen rechts/links zur Begrüßung (fand ich witzig) und Dinge in der Wohnung suchen. Da sein Energielevel immer höher wurde und er sich ja nicht bewegen durfte, konnte ich auch die Tricks irgendwann knicken, da er bereits bei einem einfach ‚Sitz‘ die Fassung verlor und viel zu aufgeregt war. Gassi gehen war die reinste Tortur. Er schrie und sprang wie ein Wahnsinniger und ich konnte ihn nicht stoppen. Ich sicherte ihn doppelt und dreifach. Ein Mal, als ich mit ihm um einen See spazierte, rastete er völlig aus. Ich wickelte die Leine um seinen Kopf, damit ich ihn irgendwie halten konnte. Ich weiß, das klingt irre, aber was sollte ich tun?

Er war wie ein China Böller mit Fehlzündung, der nicht mehr aufhörte zu knallen.

Ich hielt ihn mit vollem Körpereinsatz und versuchte Schritt für Schritt weiterzukommen. Da wir ausgesehen haben müssen, als wären wir gerade aus einer Psychatrie ausgebrochen, habe ich ihn von seinen Fesseln erlöst und wollte normal weitergehen. In dem Moment riss er sich los und rannte ins Wasser. Mit seiner frischen Narbe am Bauch. Da Cosmo den Rückruf so perfekt beherrschte, musste ich auch ins Wasser und den wilden Wilfried schwimmend einfangen.

Es sah sicher aus, als würde ich ein Krokodil jagen und um mein leben kämpfen. Zurück an Land trat ich den Heimweg an. Der See war kein netter Badesee, sondern eher ein Tümpel des Verderbens und so rochen wir auch.

Vielleicht erklären einige meiner Geschichten hier, warum mir heute einfach nichts mehr peinlich ist. Ich bin abgehärtet. In der Zeit nach der OP durfte Cosmo nur püriertes und gekochtes Futter fressen. Ich barfte ihn und begann das Fleisch zu kochen.

Kinder, ich sage euch eins: kocht niemals Pansen. Niemals. Und Blättermagen auch nicht. Ich wollte ihm weiterhin sein gewohntes Futter bieten. Ich habe echt nicht nachgedacht und ging stur davon aus, dass ich den Geruch einfach weglüften könnte. Zu der Zeit entdeckte ich meine Vorliebe für Räucherstäbchen. Und meine Nachbarn ihre Liebe für mich, die sie davon abhielt, mich zu erschlagen. Cosmo musste noch alle zwei Tage zum Tierarzt und bekam weiterhin Infusionen zum Aufbau. Er war beim Arzt übrigens immer ganz freundlich. Die Narbe hatte durch den Schwimmausflug augenscheinlich nichts abbekommen und ich war froh. Wir hatten das Schlimmste überstanden und er durfte wieder laufen. Manchmal ging ich nachts mit ihm raus, wenn ich keine Lust auf die ganzen skeptischen, strafenden Blicke und dumme Fragen hatte. Nachts war es ruhig, bis auf die anderen Freaks mit ihren Hunden war keiner unterwegs. Ich spielte mit ihm, saß auf Parkbänken und genoss das normale Gassi gehen, ohne verurteilt zu werden. An diesem Abend war ich weiter gelaufen als geplant und wollte ein paar Stationen zurück mit dem Bus fahren.

An der Bushaltestelle angekommen, stellte ich fest, dass ich von oben bis unten voller Blut war. Ich hatte einen riesen Schock und suchte Cosmo ab.

Kralle ausgerissen

Wie es weiter geht, erfahrt ihr wie immer nächste Woche Sonntag 😉

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