Cloé war der erste Hund, den ich mir selber angeschafft hatte. Der erste und einzige Hund, den alle mochten. Die, die alle streicheln durften, die alles und jeden liebte und in acht Jahren keinen Hund traf, der sie nicht mochte. Sogar Ilva verliebte sich und auch Cosmo war Cloés Charme verfallen. Wobei sie nie der typische Chihuahua war. Cloé war die Ruhe selbst. Sie strahlte eine unfassbare Wärme aus und man hat sich mit ihr einfach wohl gefühlt. Sogar Menschen die furchtbare Angst vor Hunden hatten, fanden in Cloé ihren persönlichen Therapiehund.

Sie war klein und zerbrechlich und trotzdem das stärkste Wesen, was ich kannte.

Oft grübelten wir, ob sie wohl von einem anderen Planeten stamme und ob man nicht sogar erkennen würde, dass ihr Fell in regenbogenfarben schimmert. Egal wen ich traf, alle blickten zuerst in meine Jacke und dann zu meiner Handtasche, Cloé war so klein, dass man sie leicht hätte übersehen können. Aber sie war so gut wie immer dabei. Sie hat es geliebt am Strand ihre Runden zu drehen, in der Sonne fühlte sie sich am wohlsten.

Einmal wurde ich Zeugin eines schrecklichen Autounfalls, ein Kind wurde von einer Frau angefahren und lag nun regungslos auf der Straße. Die Unfallfahrerin hätte das Kind nie im Leben kommen sehen können. Die Frau saß völlig verzweifelt in ihrem Auto, der Unfall geschah kurz nach Cloés Diagnose. Ich wollte erste Hilfe leisten und setzte der Frau geistesgegenwärtig Cloé auf den Schoß. Sie klammerte sich an ihr Fest und weinte in ihr Fell. Cloé blieb in solchen Momenten immer ruhig. Ich glaube, ich geriet nicht ohne Grund in diese Situation.

Cloé war immer zur rechten Zeit, am richtigen Ort. Dort, wo man sie brauchte.

 

Chihuahua

Ich traf in acht Jahren keinen Menschen, dem sie kein Lächeln ins Gesicht zauberte.

Sie war einfach pure Liebe auf vier Beinen, ich weiß gar nicht, wie ich es beschreiben soll.

Oft habe ich Komplimente dafür bekommen, wie wohlerzogen dieser kleine Hund ist. Die Wahrheit ist: ich habe Cloé eigentlich nie erzogen. Sie konnte zwar high five und brauchte weder Halsband, noch eine Leine, aber so doof es klingt, sie war schon so. Cloé zog im Alter von 8 Wochen bei mir ein und blieb acht Jahre lang treu an meiner Seite. Nie habe ich irgendwas mit ihr trainiert, es war einfach alles selbstverständlich für sie.

Chihuahua

Vor circa 1,5 Jahren wurde bei ihr ein schwerer, irreparabler Hirnschaden diagnostiziert. Dadurch wurde eine sekundäre Epilepsie ausgelöst. Cloé war von heute auf morgen schwer krank und ich wusste, sie konnte jederzeit sterben. Würde ich einen Anfall falsch einschätzen oder die Medikation fehldosieren, wäre ich sogar noch mitverantwortlich. Die erste Zeit nach der Diagnose sah es absolut nicht danach aus, dass sie länger als ein paar weitere Tage überleben würde.

Chihuahua

Für mich war das eine sehr schwere Zeit. Kurz vorher war Cosmo gestorben. Und jetzt auch noch Cloé, das hätte ich nicht verkraftet.

Das wusste Cloé anscheinend und es grenzte an ein Wunder, dass sie noch 1,5 Jahre weiterlebte. Davon ein Jahr Anfallsfrei. Hätte ich es nicht erzählt, dann hätte keiner mehr mitbekommen, dass Cloé so schwer krank war. Man sah es ihr zu keinem Zeitpunkt an. Ich bin so unfassbar dankbar für diese Zeit. Danke Cloé und danke an die wunderbare Tierärztin, die dies möglich machte. Denn schon beim MRT hätte man Cloé aufgrund der Schwere der Diagnose nicht wieder aufwecken müssen, aber die Tierärztin hatte einen Plan und Hoffnung.

Es gab bloß einen weiteren generalisierten Anfall in der ganzen Zeit. Er kam nachts um 02.30. Ich lag an diesem Tag schon früh im Bett und wachte erst wieder auf, als ich mich mitten in einer Panikattacke befand. Ich hatte gehört, wie Glas zerbricht und dachte, jemand wäre in meiner Wohnung. Da ich eine Vorgeschichte habe, war dies für mich der ultimative Trigger und ich konnte mich nicht mehr bewegen. Ich schaffte es nicht, alleine aus der Attacke rauszukommen und rief eine Freundin an, die sofort ihren Freund zu mir schickte, der ebenfalls ein sehr guter Freund von mir war.

Er kam zu mir und checkte gemeinsam mit mir die Wohnung, es war nichts zu finden. Ich war wütend und fragte mich, warum meine Psyche mich so ausgetrickst hat. Da wir beide jetzt ohnehin schon wach waren, beschloss ich uns kurzerhand noch ein paar Nudeln zu kochen. Wir saßen in der Küche und lachten über die blöde Panikattacke.

Cloé lag seelenruhig unter dem Tisch und fing urplötzlich an zu krampfen.

Ich blickte unter den Tisch und rief ‘Cloé hat einen Anfall’, rannte los und holte das Notfallmedikament. Wir saßen dort ziemlch perplex und die Panikattacke war vergessen.

Ich verabreichte ihr schnell das Diazepam und der Anfall war vorbei. Hätte ich geschlafen, hätte ich diesen Anfall vielleicht verpasst und Cloé ihn nicht überlebt. Zwei Tage später war ich gerade dabei mein Geschirr abzuwaschen und wollte die frisch abgetrockneten Gläser einsortieren. Als ich den Schrank öffnete, traute ich meinen Augen nicht. Dort lag ein zerbrochenes Glas. Wie auch immer dieses Glas im Schrank zerbrochen ist, es muss das Geräusch erzeugt haben, was ich in der Nacht von Cloés Anfall hörte. Für keine Panikattacke meines Lebens war ich dankbarer, als für diese. Sie hatte mich aufgeweckt. Cloés Zeit war noch nicht reif.

Ein Mal ging ich mit Cloé am Deich spazieren und beschloss mich einen Moment lang hinzulegen. Ich hatte die Nacht vorher durchgezecht und es dauerte nicht lange, bis ich einschlief. Ich wurde erst durch Cloés Gebell wieder wach. Ich öffnete meine Augen und sah, wie sich gefühlt hundert Schafe versammelt hatten und mich anstarrten. Vor mir stand Cloé und verbellte die Schafe, so laut sie konnte.

Wie oft haben die Leute dich freundlich wegen deiner Größe belächelet. Doch wahre Größe erkennt man nun mal nicht von Außen.

Ich weiß noch, als ich mal verplant hatte, dass ich direkt nach der Arbeit einen Arzttermin habe. Cloé war dabei und ich fragte höflich, ob ich sie vielleicht mit reinnehmen dürfte. Die Arzthelferin war verzaubert von Cloé und zeigte mir schnell den Weg zum Pausenraum. Ich durfte Cloé in meiner Handtasche dort warten lassen. Als ich nach ca. 1,5 Stunden wiederkam, saß sie immer noch in meiner Handtasche. Den Blick zur Tür gerichtet. Sie hatte dort die ganze Zeit still und ruhig gewartet, sich keinen Zentimeter bewegt.

Cloé war die Treue selbst. Gott, Cloé. Ich vermisse dich so. Wer passt jetzt auf mich auf, so wie du es getan hast? Wer hält mich jetzt am Boden der Tatsachen und sorgt dafür, dass ich mich nicht verliere? Du warst mein kleines Licht, egal wie dunkel die Zeiten waren, durch dich konnte ich immer sehen.

Es mag verrückt klingen, doch Cloé erzählte mir in den letzten Wochen vor ihrem Tod bereits, dass sie bald gehen muss.

Ich las es in den Blicken, die sie mir zuwarf. Ihr Verhalten und diese sehr eigenartige Ruhe, die sie ausstrahlte. Als würde sie ausdrücken wollen, dass es alles so in Ordnung ist, wie es ist. Manchmal hat sie sich vor mich gesetzt und mir Minutenlang ins Gesicht gestarrt. Ich bin diesem Blick immer wieder ausgewichen, weil ich es gar nicht wissen wollte.

Chihuahua

Sie sah aus als würde sie grinsen und sagen: ‘Du weißt ganz genau, was ich meine und du kannst es nicht ändern, aber alles wird gut‘

Da meine Freunde mich kennen, berichtete ich allen davon, dass ich mir ziemlich sicher bin, dass Cloés Uhr nun schneller tickt als je zuvor. Kurz vor Weihnachten schrieb ich meinem Bruder, er war Cloés große Liebe. Ich bat ihn noch mal vorbeizukommen, da ich nicht wüsste, wie lange Cloé noch hier sein wird. Auch bei Cosmo wusste ich schon im Voraus von seinem Tod und behielt Recht damit. So kam mein Bruder um sich zu verabschieden oder sie zumindest einfach mal wieder zu sehen.

Und dieser Besuch sollte tatsächlich der Letzte bleiben.

Ich habe immer gesagt, dass Cloé erst dann gehen wird, wenn alles gut wird. Und nun sitze ich hier völlig verheult und schreibe diesen Artikel. Für unseren Blog. Welchen ich seit Jahren schreiben möchte und jetzt gemeinsam mit der wunderbaren Marie schreibe. Außerdem hat Cloé sogar schon einen neuen Begleiter für Ilva und mich auserkoren, aber diese Geschichte steht auf einem anderen Blatt Papier.

Cloé fing im Dezember  wieder an  leichte, fokale Anfälle zu erleiden. Diese steigerten sich immer weiter, bis zu dem Tag, als es wieder ein generalisierter Anfall war, der ihren kleinen Körper überfiel.

Chihuahua

Ich wusste ganz genau, was Sache ist und doch wollte ich es noch nicht ganz wahrhaben. Aber tief in mir, wusste ich es.

Die Beschreibung für den Tag würde wohl ‚die Ruhe vor dem Sturm‘ am besten treffen. Ich ließ Cloé nicht aus den Augen. Ilva legte sich immer mal wieder zu ihr und zog sich dann wieder zurück. Auch sie wusste, was vor sich ging.

Chihuahua und Wolfshund

Am Abend folgte ein zweiter Anfall und ich begann noch währenddessen, mich von ihr zu verabschieden. Doch Cloé kam wieder zu sich. Sie stand wieder auf und lief durch die Wohnung. Ich verabreichte ihr das Notfallmedikament und hoffte, dass dies eine einmalige Sache war und sie doch noch ein wenig bleibt.

Chihuahua und Wolfshund

 

Sie schlief ein und fing kurze Zeit später wieder an leicht zu zucken. Ich gab ihr den Rest der Dosis des Valiums und hoffte, dass sie nun endlich ruhig schlafen könne, um sich zu erholen. Doch dem war nicht so. Cloé fiel das atmen zunehmend schwerer und sie konnte nicht mehr aufhören zu Spucken. Ich meine wirklich Spucken, nicht erbrechen. Sie trank zwar noch und blieb ab und zu für wenige Minuten ruhig, aber es hörte einfach nicht auf.

Ich hatte kein Medikament mehr, was ihr hätte helfen können.

Ich weiß, dass so ein Verhalten nach einem Anfall auftreten kann, ich wusste aber auch, was Cloé mir die ganzen letzten Wochen sagen wollte. Es war Samstagnacht, 3.00 Uhr.  Ich beschloss noch eine Stunde zu warten und mich dann auf den Weg in die Tierklinik zu machen. Cloé lag wie immer direkt an meinem Hals. Ich verhielt mich ruhig und tat so, als wäre nichts. Als würde es gleich alles vorbei sein und Cloé wieder die Alte.

Um 4.00 Uhr fuhr ich los in Richtung Klinik. Meine Mutter und Ilva begleiteten mich. Cloé hätte sich von dem letzten Anfall nicht mehr erholt, alles was ich noch hätte tun können, wäre weiter zu beobachten, wie sie sich quält. Und irgendwann verendet.

Ich stand mit Cloé in der Tierklinik und hielt sie spuckend in meinem Arm. Die Tierärztin fragte, ob ich bereit wäre. Cloé hasste es, wenn man ihr einen Zugang legen wollte und so bekam sie erst mal eine sanfte Spritze, die sie einschlafen ließ. Ich setzte mich zu meiner Mutter und Ilva und hielt Cloé, friedlich schlafend, in meinem Arm. Sie  sah so zufrieden aus. Ilva kam und schleckte ihr ein letztes Mal durchs Gesicht. Ich hielt das wertvollste, was ich in meinem Leben je hatte in meinem Arm.

Chihuahua

Wohlwissend, dass es das letzte Mal ist. Es war ein schrecklich schöner Moment. Ich wäre am liebsten noch Tage mit ihr dort sitzen geblieben, aber man kann die Zeit leider nicht anhalten. Zehn Minuten später kam die Tierärztin wieder rein. Ich stand auf. Ich hielt Cloé fest in meinem Arm und ihren kleinen Kopf in meiner Hand, sie atmete ruhig und gelassen. Im Vergleich zu den letzten Stunden war ich froh, dass sie nun endlich schlafen konnte. Das ich noch ein Mal sehen durfte, wie es aussieht, wenn es ihr gut geht, wenn auch nur, für einen kurzen Moment.

Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass die Tierärztin in der Zeit die Spritze aufgezogen hatte und nun vor mir stand. ‚Okay, sind Sie bereit? ‘. Nein, ich war es nicht, aber Cloé. Und das war viel wichtiger.

Die Tierärztin setzte die Spritze an. Ich hielt Cloé nun so fest, als würde ich versuchen sie festzuhalten und bei mir zu behalten. Ich war mir in dem Moment so sicher, sie einfach nie mehr loszulassen. Vielleicht hatte sie ja eine Immunität gegen das Mittel? Vielleicht passierte jetzt doch noch ein letztes Cloéwunder? Ich hielt sie einfach und hoffte, dass sie weiß, dass ich bei ihr bin.

Die Tierärztin hörte nach Cloés Herzschlag und sagte leise:‘ Es schlägt noch ganz sanft. ‘

Stille. Es waren die letzten Sekunden, es gab kein Wunder, kein Zurück. Die Tierärztin hörte sie ein letztes Mal ab, atmete aus und sah mich an.

Ach Cloé, war das der Moment auf den du mich vorbereiten wolltest? Damit ich nicht so lange darüber nachdenken muss, ob die Entscheidung die Richtige ist und ich in deinem Sinne handeln werde?

Alles im Leben ergibt irgendwann mal einen Sinn.

Ich entschied für Cloé, dass sie nun ruhig einschlafen darf, in meinem Arm. Nicht alleine. Da wo sie ihr halbes Leben verbrachte, in meinem Arm. In meiner Jacke. Immer irgendwo ganz dicht bei mir.

Chihuahua Chihuahua

 

Cloé gehörte und gehört zu mir, wie nichts anderes auf dieser Welt.

Ich hielt sie bis zum letzten Herzschlag, direkt vor meinem Herzen.

Und als ihr Herz aufhörte zu schlagen, schlug meines so stark, dass es aussah, als würde sie noch leben.

Was für ein beschreibender Moment.

Denn solange mein Herz schlägt, kann Cloé nicht sterben. Zumindest nicht wirklich.

Chihuahua und Dobermann

Auf dem Rückweg von der Klinik nachhause stand bloß ein einziger Stern am Himmel. Er leuchtete so unfassbar hell, dass ich ihn fast für eine Illusion hielt, wenn meine Mutter ihn nicht auch gesehen hätte. Ich stelle mir gerne vor, wie Cloé ins Jenseits spaziert ist und ihr bester Hundefreund dort bereits mit einem Champagnerempfang auf sie gewartet hat. Er ist kurz vorher gegangen. Wahrscheinlich sitzen die beiden nun zusammen am Strand und beobachten die Wellen, während sie Cocktails trinken.

Ich glaube egal wie viele Schafe sich auf meinem weiteren Weg um mich herum versammeln und mich anstarren, Cloés Bellen wird ewig nachhallen und sie mir alle vom Hals halten.

Ich beschloss Cloé in der Klinik zu lassen und ein Bestattungsunternehmen mit der Einäscherung zu beauftragen. Ich  habe mich sehr gefreut, sie diese Woche endlich nachhause holen zu können. Natürlich hat mich Cloés Tod sehr getroffen, aber wisst ihr was… Ich bin einfach so dankbar. Dankbar dafür, dass ich so ein wunderbares Wesen acht Jahre an meiner Seite wissen durfte. Dankbar für alles, was sie für mich getan hat. Und für viele andere Menschen. Ich werde noch lange nachts aufwachen und mich fragen, wo Cloé ist. Aber nur um dann festzustellen, dass mein Herz noch schlägt. Und solange mein Herz noch schlägt, ist Cloé bei mir. Näher, als je zuvor.

Ich liebe dich. Ruhe in Frieden, meine kleine Cloé.

Chihuahua

5 Replies to “Cloé und unsere letzten Stunden

    1. Liebe Anke,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Es freut mich zu lesen, dass du unsere Geschichte gut findest! Liebste Grüße und dir einen schönen Abend!

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