Liebes Frauchen.

Es ist ein neuer Tag und ich bin wie immer guter Dinge. Vielleicht wird heute der beste Tag unseres Lebens! Du bist noch nicht wach, aber statt mich wie jeden Morgen neben dich ins Bett zu setzen, dir meine Nase ins Gesicht zu halten und auf meinen leeren Napf zu zeigen, ist es wirklich an der Zeit dir einen Brief zu schreiben.

Es ist jetzt schon mehr als mein halbes Leben her, seit man mich von der Straße gepflückt und bei dir ausgesetzt hat und ich muss sagen, es hat mir von Anfang an gefallen. Auch wenn die russische Mentalität mir hier manchmal fehlt, ist es doch nett in Deutschland. Die Gepflogenheiten hier sind zwar etwas anders (warum darf ich nicht mit meterhoher Bürste auf andere Hunde zuschießen und ihnen eine verpassen?), ich versuche mich aber trotzdem anzupassen. Ich schlafe zum Beispiel schon nach wenigen Wochen in den neuen Betten, die du mir ständig an den Orten hinstellst, an denen ich am liebsten auf dem Boden liege. Dann faselst du von orthopädischen Kissen, Visco – Schaum und Hüft – und Ellenbogen – Irgendwas vorbeugenden Maßnahmen. Dabei kann man eben nur die volle Bequemlichkeit erreichen, wenn man auf dem Boden liegt. Aber ich tue dir den Gefallen gerne.

Dafür ist nämlich das Essen wirklich sehr gut. Es schmeckt eigentlich immer nach Fleisch, auch wenn es aus seltsamen Verpackungen kommt. Es wird hier sogar serviert. Dass man sich vorher hinsetzen muss ergibt zwar keinen Sinn (das Futter schmeckt danach nicht anders) aber auch das nehme ich wohlwollend in Kauf, sonst kommt wieder der Vortrag über Impulskontrolle – weiß der Geier was das ist. Wenn du aus Versehen mal etwas in den Napf getan hast, das nicht der Definition Fleisch entspricht, rupfe ich es sogar auseinander, um hinter die Kulissen zu blicken und etwaiger Verschwendung vorzubeugen. Warum du dann immer wieder die Worte “Nicht auf dem Teppich!” sagst und leicht verzweifelt dreinschaust, weiß ich nicht. Ich vermute dahinter einfach eine fehlerhafte Information. Oder hat Kuma etwas angestellt?

Alles in allem sind meine Tage hier gut ausgefüllt. Am liebsten renne ich durch die Gegend. Oder ich mache diese eine Sache, bei der wir in den Wald fahren und ich sehr gutes Essen bekomme. Dafür muss ich Zweibeiner finden, die sich hinter die Bäume hocken. Das ist immer toll. Obwohl, noch lieber zerfetze ich eigentlich Taschentücher. Oder Kuscheltiere? Ich kann mich nicht entscheiden. Alles, nachdem der ganze Boden mit Watte bedeckt ist, macht einfach nur Spaß. Man kann natürlich auch in diesen schwarzen Kasten mit den bewegten Bildern schauen, aber das ist nun wirklich ziemlich skurril. Vielleicht solltest du auch mal ein Kuscheltier fressen. Es macht sehr glücklich. Ich könnte dir auch dabei helfen, da bin ich ganz selbstlos.

Bei dieser Gelegenheit muss ich leider auch schonungslos ehrlich sein: Ich hasse Fahrräder. Ich weiß nicht, ob du es schon bemerkt hast, aber jedes Mal wenn eines dieser schrecklichen Monster auf mich zukommt oder an mir vorbeifährt werfe ich meinen ganzen Körper in den nächstgelegenen Busch. Das mag dir ja erst mal seltsam vorkommen, es ist aber eine lebensrettende Maßnahme. Nicht mal ein LKW ist so schlimm wie ein Fahrrad. Die fahren wenigstens nur auf der Straße. Berechenbarkeit ist sehr wichtig für mich. Warum Kuma diese Höllenräder noch nicht verstanden hat, kann ich nicht sagen – ich habe sie ein ums andere Mal davor gewarnt. Also bitte hör doch auf damit dich auf so ein Teil zu setzen und uns zu zwingen nebenher zu laufen. Es geht um unser aller Sicherheit und ich werde mich nie daran gewöhnen.

Was ich noch nicht ganz verstanden habe ist, warum ich nicht gehen soll wohin ich will. Das mit dem nicht wirklich weglaufen erschließt sich mir ja, denn ich will ja heute Abend die Fütterungszeit nicht verpassen. Aber ein kleiner Abstecher tut doch nun wirklich niemandem weh. Ich bin (bis jetzt) schließlich immer wieder zurück gekommen. Vielleicht kannst du mir das bei Gelegenheit nochmal erklären, aber bitte so, dass ich es auch verstehe. Das letzte Mal waren deine Argumente ziemlich fadenscheinig und ich war abgelenkt von dem Gedanken an das Leckerchen, dass sich vor zwei Wochen noch in deiner Hosentasche befand. Ich sollte mal wieder an einer deiner Hosen kauen, das habe ich lange nicht gemacht. Obwohl du von den angefressenen Schuhen letzte Woche ja nicht so begeistert warst. Manchmal sind deine Ansichten überaus schräg.

Für die Zukunft wünsche ich mir von dir noch ein bisschen mehr Verständnis in oben genannten Belangen. Und mehr streicheln könntest du mich auch. Ich bin ja doch eher bescheiden, aber meinst du ernsthaft, die paar Stunden am Tag reichen aus?

Ich hoffe, dieser Brief öffnet dir in einigen Dingen die Augen. Du kannst wirklich froh sein, dass du mich in deinem Leben hast. Ich bringe so viele gute Ideen ins Haus. Vielleicht bin ich ja hier um dir zu zeigen, dass man das Leben nicht so ernst nehmen darf. Oder um die Ränder deiner Pizza zu fressen. Wer weiß. Und wenn ich morgen wieder im Unterholz verschwinde, komm doch einfach mal mit. Da lauert ein neues Abenteuer direkt hinterm Zaun.

 

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