Liebes Frauchen. Es ist wohl an der Zeit, dass du auch von mir einen Brief erhältst.

Du bist mein Mensch. Ich weiß du unterliegst der irrigen Annahme, du hättest dich für mich entschieden und mich “gekauft”, aber eigentlich wissen wir doch beide, das niemand mich besitzen kann. Schließlich bin ich damals freiwillig in dein Auto gesprungen. Ich habe meinem alten Leben nicht eine Sekunde hinterhergetrauert, denn als ich dich gesehen habe wusste ich:

Wir zwei sind uns einig.

Nicht unbedingt in den vielen kleinen Fragen des täglichen Lebens, wie den “Regeln im Haus” (Wenn ich auf den Küchentisch springe um besser aus dem Fenster sehen zu können, sagst du immer “Sag mal hackt’s bei dir?!” – Ich bin mir nicht sicher, was du damit meinst). Nein, von diesen unbedeutenden Meinungsverschiedenheiten rede ich nicht. Es sind die essentiellen Dinge, die wir teilen. Die großen Fragen des menschlichen und hündischen Daseins.

Das können ganz Verschiedene sein. Ich unterstütze dich uneigennützig in all deinen Entscheidungen. Wenn du am Schreibtisch sitzt und vor dich hin starrst, liege ich direkt daneben auf meinem Kissen. Das hilft dir bei deiner Konzentration, denn du musst dich nicht dauernd fragen wo ich bin und was ich wohl anstelle. Ich sage dir auch mit Hilfe meiner durchbohrenden Blicke, wann du ins Bett gehen solltest. Das mache ich nicht nur, weil mir alleine im Bett zu kalt ist, sondern hauptsächlich für deine Gesundheit.

Außerdem habe ich mich nie offen darüber beschwert, dass du Zazou hier angeschleppt hast. Er wäre zwar nicht unbedingt meine erste Wahl gewesen, aber ich habe mich inzwischen damit abgefunden, dass er zu groß ist und keinerlei Körpergefühl besitzt. Ich gebe mein Bestes ihn zu erziehen, damit er nicht mehr aus Versehen auf mich tritt. Das bekomme ich schon hin, aber beim nächsten neuen Hund könntest du ja vorher fragen.

Shiba Inu - Jack Russel Shiba Inu - Jack Russel

Es gibt ja auch vieles, was ich sehr an dir mag

Von deinem eigenen Essen gibst du mir zum Beispiel immer zuverlässig meinen Anteil. Gehört sich ja auch so als Brötchengeber. Ich staube regelmäßig mehr ab als Zazou, denn ich vertrage einfach alles. Man sollte denken, der ehemalige Straßenhund hätte ein funktionierendes Magen-Darm-System, aber mich schlägt keiner. Während der große weiße Hund immer nur das normale, gesunde Zeug aus dem Napf bekommt, bin ich nah an den richtigen Sachen. Denen, für die es sich zu leben lohnt: Pizza, Nudeln, Leberwurstbrot und Chipskrümel. Ich kann auch sehr gut, weitaus besser als Zazou, Essbares von Unverdaulichem unterscheiden. Ich meine, der Junge schreddert einfach alles! Dabei muss man das gar nicht, wenn man seine Nase benutzt. Gut, einmal habe ich auch ein Buchcover gefressen als du kurz weg warst, aber das war ein Anflug von jugendlichem Leichtsinn. Kommt nicht wieder vor. Inzwischen bin ich älter und weiß, wo die wahren Schätze liegen. Nämlich immer weit oben. Man muss nur erst auf den Stuhl, dann auf den Tisch und von da auf die Fensterbank springen, damit man groß genug ist um an den Schrank zu kommen. Eine meiner leichtesten Übungen. Den Kühlschrank öffnen kann ich zwar noch nicht, aber ihr Menschen macht genügend grobe Fehler, die ich ausnutzen kann. Wie damals, als ihr einen frisch gebackenen Tortenboden in meiner Reichweite habt stehen lassen. Oder wenn mich jemand mit den Einkäufen zusammen im Auto alleine lässt – Selbst Schuld!

Du bist auch nie lange sauer deswegen.

Schließlich entfalte ich hier nur meinen charakter

Ich bekomme ja sowieso meist, was ich will. Ich habe da so meine Methoden. Schließlich kann ich auch Türen und Tupperdosen öffnen. Den niedlichen Blick beherrschen ich genauso wie die meisten meiner Kollegen. Damit schaffe ich es auch immer wieder, dass du mich mit nimmst, wenn du eigentlich vorhast, ohne mich irgendwo hin zu gehen.

Ich kenne dich genau.

Ich weiß zum Beispiel, dass du ziemlich introvertiert bist. In meinem Inneren bin ich das nämlich auch. Am liebsten hängst du natürlich mit mir zusammen rum, unsere Freunde sind auch okay. Die meisten jedenfalls. Da gibt es einmal die, die immer mit mir im Bett kuschelt und mich entführen will. Und natürlich die beste Hundesitterin der Welt, bei der wir manchmal Urlaub machen. Seit die Blonde mit der du so viel abhängst diese beiden riesigen Höllenhunde hat, stresst mich eure Freundschaft leider ein bisschen. Ich arrangiere mich natürlich damit. Aber Fremde.. Ich mag gar nicht daran denken, wie viele große, schwarz gekleidete Männer draußen frei herumlaufen. Die Verteidigung unserer Stellung übernehme ich vorbildlich, indem ich sie lauthals beschimpfe und beleidige. Ich mag zwar klein erscheinen, aber ich sehe dabei sehr gefährlich aus. Im Herzen bin ich wild. Du tust dann immer ganz genervt, doch ich bin sicher, dass du genauso denkst. Vor mir kannst du das nicht verheimlichen.

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Genauso weiß ich, dass du mich unbedingt bei dir im Bett haben willst

Du tust nur so, als würde ich mich unglaublich breit machen. Oft schickst du mich auf meinen Platz – kalt, leer und verlassen, 10cm neben dem Bett. Aber das meinst du ja gar nicht ernst. Ich sehe das an dem Ausdruck auf deinem Gesicht. Spätestens wenn du wirklich schlafen willst, vermisst du mich wahnsinnig unter deiner Decke. Vor allem wenn es draußen kalt ist. Wenn ich dann dir zuliebe doch reinspringe und dich mit sehr netten Stupsern meines Kopfes darauf aufmerksam mache, dass du jetzt die Decke anheben musst, damit ich darunter kriechen kann, widersprichst du nie. Manchmal stellst du dich noch kurz schlafend. Als ob ich auf sowas hereinfallen würde.

Andererseits kann auch ich dich nicht immer täuschen. Ich sage ja, wir sind uns sehr ähnlich. Du hast zum Beispiel mit der Zeit ein ausgesprochen gutes Gefühl dafür entwickelt, wann ich versuche etwas zu klauen. Dabei ist es ja nicht mal gestohlen wenn der Teller da einfach so steht. Trotzdem, egal wie leise ich auch bin (und ich bin ein wahrer Ninja, denn ich habe sehr filigrane Pfoten), du erwischt mich in 70% der Fälle. Keine Ahnung wie du das machst, die anderen Menschen hören nie etwas. Früher konnte man dich noch leichter hinters Licht führen, da hast du Sachen gesagt wie “Den Rucksack brauchst du nicht wegräumen, den Reißverschluss bekommt Kuma doch eh nicht auf!”. Heute gehst du nicht mal mehr kurz ins Bad ohne alles wegzuräumen. Und wenn du mal etwas vergisst, hörst du mich irgendwie trotzdem und kommst angerannt. Das muss eine übersinnliche Fähigkeit sein, die du mit den Jahren ausgebildet hast. Aber ich verzeihe dir. Das Spiel muss ja auch spannend bleiben. Wir verbessern uns beide.

Ich habe sowieso mehr als genug zu tun

Man mag denken, wir Hunde würden uns oft langweilen, aber das stimmt ganz und gar nicht. Abgesehen vom regelmäßigen Überprüfen der aktuellen Lebensmittelsituation auf allen Flächen des Hauses, Ankündigen des Besuches von der Fensterbank aus und Verbellen derjenigen Besucher, die ich nicht mag, muss ich täglich eine Vielzahl an Dingen erledigen. Ich sitze zum Beispiel sehr beständig vor dem Fenster und liefere mir ernste Gefechte mit der Nachbarskatze. Momentan kämpfen wir noch ausschließlich mit den Augen, aber bald ist es soweit. Ich muss außerdem ständig rufbereit sein, falls jemand hier im Haus den Kühlschrank öffnet. Da muss ich in Sekunden umschalten können und aus dem Tiefschlaf direkt ins Betteln verfallen. Das ist viel schwerer als es sich anhört.

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Zu guter letzt muss ich auch viel Schlafen, um die hohen Standards meiner Arbeit aufrecht zu erhalten. Denn auf die Qualität kommt es an. Niemand gibt einem Hund etwas zu Essen, wenn dieser beim Betteln nur halbherzig bei der Sache ist. Und auch so eine “Leinenagression” wie ihr es nennt, über viele Jahre aufrecht zu erhalten, ist kein Kinderspiel. Ihr kennt das, manchmal steht man morgens auf und hat einfach keine Lust. Du denkst an solchen Tagen meistens, dein Training hätte endlich Erfolg gezeigt. Es tut mir leid, dass ich dich nie lange in diesem Glauben lassen kann, aber ich bitte dich. Ich bin nicht dazu da, “erzogen” zu werden. Ich sehe mich eher als deinen Begleiter in allen Lebenslagen.

Meine wichtigste Aufgabe in unserer Beziehung ist nämlich eine andere.

Manchmal hast du einen schlechten Tag und denkst, deine Probleme wären die größten auf der ganzen Welt. Du bist dann ganz selbstmitleidig und redest nur Unsinn. Dafür brauchst du mich. In solchen Momenten gucke ich dich lange an, seufzte überdurchschnittlich laut für einen Hund und drehe genervt den Kopf weg. Hier ist wieder das Timing entscheidend. Um noch deutlicher zu werden kann ich auch die Augenbrauen hochziehen. Du weißt dann, dass ich dir sagen will: “Entspann dich mal, es gibt Schlimmeres.” Ich bin sehr weise. Nie zweifelst du daran, dass ich wirklich verstanden habe, worum es geht. Und danach fühlst du dich besser, denn: Sogar dein Hund hat dein Gejammer schon satt. Das ist der Arschtritt, den du von Zeit zu Zeit von jemandem brauchst.

Denn du hast doch alles, was zu einem guten Leben gehört: Mich.

Du musst dir nur mal wieder die wichtigen Dinge vor Augen führen. Die, in denen wir uns immer einig sein werden: Gutes Essen, ein weiches Bett und ein echter Freund. Ob dieser Freund ein Mensch oder ein Hund ist, tut doch nichts zu Sache.

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