Es ist abends und ich fahre nachhause. Der Himmel sieht wunderschön aus und ich muss mich immer wieder ermahnen, meinen Blick wieder auf die Straße zu richten. Hinter mir schläft Buri, während Ilva den Blick wachsam auf die Felder richtet, an denen wir vorbei fahren. Eine wunderbare Momentaufnahme, Momente in denen ich Energie tanke. Energie für das was ist und all das, was kommen wird. Jeden Tag den Gott werden ließ steht ein neuer obdachlos gewordener Hund auf dem Tagesplan. Einer von diesen Hunden, über die ich immer spreche. Genau diese Hunde, die Menschen an ihre Grenzen treiben. Die Menschen, die sie abtreten und die Menschen, die versuchen sie aufzufangen. Einst ein süßer Welpen, heute ein schwieriger Fall. Oder beides zugleich. Es sollte alles so schön werden, der Familienhund, der Freund, der dir im Sturme treu bleibt.

Doch dann kommt alles anders.
Irgendwas verändert sich, die Dinge laufen aus dem Ruder, man findet Lösungen, doch die Probleme bleiben bestehen.

Man findet keine Lösungen mehr und der beste Freund, der dir im Sturme treu blieb, muss weg. Und wenn ihn keiner nimmt, dann muss er ganz weg. Klingt nicht nur radikal – ist es auch. Kein Platz. Kein Geld. Keiner, der mehr helfen konnte. Ich neige nicht zum Drama (vielleicht ein wenig, aber nicht bei so ernsten Themen), aber wir befinden uns nun mal mitten drin.Es ist ein Dilemma. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Zeit die wir haben um das Ruder rumzureißen besorgniserregend schell schwindet. Die Symptome sehen wir, wir fangen auf und räumen die Trümmer weg, doch langsam aber sicher wird die Luft dünn. Es gerät etwas aus dem Gleichgewicht. Jeden Tag muss irgendwo ein Hund SOFORT ausziehen, jeden Tag ist irgendwo Gefahr im Verzug und jeden Tag, scheitert man kläglich an dem Versuch überall Hilfestellung zu leisten.

Es ist eine emotionale Belastung und doch fällt jeder kleinste Erfolg wie Blei in die Waagschale.

Kürzlich gab es einen Beißvorfall innerhalb einer Familie, nach drei Jahren Hausfrieden unvermittelt zugebissen. Das Kind musste notoperiert werden. Traumatisierte Menschen, zwischen gebrochenem Vertrauen, Mitleid und Angst. Emotionen kochen hoch – in meiner Auffassung bedeutet Tierschutz auch den Menschen zu helfen, da zu sein, wenn’s brennt und Verständnis aufzubringen. Ich würde es nicht aushalten mit all den Abgründen konfrontiert zu sein, wenn ich nicht genau wüsste, dass ausnahmslos jeder Mensch seine eigenen hat.

Abgründe.

Der Hund wurde aufgenommen, man konnte helfen, nicht mal eben, nicht einfach so, sondern mit Ach und Krach. Auf den ersten Blick ein lieber Kerl, ein paar komische Gesten, eine etwas verzogene Mimik. Aus komischen Gesten wurden nach einiger Zeit Auffälligkeiten oder eben nur ein Tick. Man berät sich, nimmt sich dem Fall an. Viele Meinungen, jeder sieht was anderes, das Bauchgefühl bleibt. In diesem Fall war es nicht nur ein Tick, sondern eine handfeste und wachsende Diagnose. Es war kein „das Kind hat den Hund bestimmt geärgert“, „da muss man halt besser aufpassen“, sondern Unberechenbarkeit in ihrer reinsten Form. Ein unfassbar trauriger Fall. Doch so ist es nicht immer, die meisten Hunde sind gesund und munter. Zumindest physisch.

Ich würde gerne an dem Punkt ansetzen, an dem die Not entsteht. Ich finde es ist an der Zeit ganz genau nach dem „Warum?“ oder den „Warums?“ zu fragen. Warum müssen all diese Hunde ausziehen, warum sind sie gefährlich, wer definiert eigentlich gefährlich und wie können wir es schaffen, dass es nicht mehr so weit kommt. Nicht mehr so oft. Nicht in der Masse. Kürzlich durchforstete ich Ebay, unzählige Hunde müssen den Besitzer wechseln. Vom Welpen bis zum betagten Senioren, es ist alles dabei. Verpaarungen, auf die eigentlich keiner kommen kann.

Welpen, die eben erst ausgezogen sind und Junghunde, die jetzt leider keine Welpen mehr sind. Hunde, die nicht mit dem Partner können, den sie solange ersetzt haben. Hunde, die das echte Kind nicht verstehen und ihren Platz als solches nun räumen müssen. Hunde die wir uns so gezüchtet haben, wie wir sie haben wollten, mit denen wir jetzt nichts mehr anfangen können.
Es ist Wahnsinn und Horror zugleich.

Ein neuer Beruf, der nicht mehr passt. Ein Umzug, eine Trennung, eine Ehe, kein Geld, keine Lust, midlife crisis, Allergie, Stress, kaputtes Auto, Krankheit – es gibt so viele Gründe.

Warum bleiben wir im Sturm nicht treu?

Man sagt immer so leicht, dass ein Hund kein Spielzeug wäre und so ein Hund, der lebt auch länger als zehn Jahre und du weißt schon, dass der nicht immer so süß bleibt? Weißt du’s? Weiß es überhaupt irgendwer? Die Euphorie der Menschen die einen Hund aufnehmen, ist meist grenzenlos. Man stellt sich vor, wie alles sein wird und schießt Fotos mit dem neuen Bewohner, die man um die halbe Welt schickt. Es ist alles so aufregend. Ist das nicht immer im Leben so, wenn man sich auf etwas Neues einlässt? Eine Beziehung eingeht, sein Leben bereichert? Wir haben doch alle gerne mal die rosarote Brille auf, doch irgendwann kommt immer der Tag, an dem sich der Wind wieder dreht.

Das ist das Leben.

Es geht in alle Richtungen, rauf und runter, nach rechts und nach links. Es gibt tausend Lebensratgeber und abertausende von Weisheiten und doch hat es noch keiner geschafft, hier ohne die Tiefen durchzukommen. Denn auch Tiefen haben ihr Gutes. Jede Höhe birgt das Risiko, zu fallen. Und jeder Fall ist auch irgendwie aufregend, bevor man auf den Boden klatscht. Jede Regung, wieder aufzustehen, gibt Hoffnung und wenn man erst mal steht, dann ist man wieder kurz vor dem ersten Schritt.

Was ich sagen will ist, dass, das Leben nicht perfekt sein muss, um legendär zu werden. Und Legenden tragen nicht selten einen Maulkorb und haben meist einen Weg hinter sich, der mehr als ein tiefes Tal birgt.

Die rosaroten Brillengläser verblassen vielleicht an dem Tag, an dem Chappi dir das erste Mal in die Bude kackt, auf den Dielenboden, direkt in die Zwischenräume und zwar mit Durchfall, während du mit deinem neuen Freund/Freundin am Esstisch sitzt. Ich muss allein bei der Vorstellung schon lachen, aber die meisten Menschen wären wohl eher schockiert und zutiefst angewidert.

Aber vielleicht dürfte Chappi bleiben, wenn er sonst n‘ ganz Süßer ist. Und sich das Ganze nicht noch fünf mal wiederholt. Vielleicht springen die Brillengläser aber auch an dem Tag, an dem Rufus sich einen anderen krallt, der ihn seit langem tagtäglich terrorisiert. Den Briefträger zum Beispiel. Oder den Nachbarsrüden, denn es kann nur Einen geben. Doch würden wir die Hunde besser verstehen und uns nicht an „aber das ist doch der Briefträger, den kennst du doch, der tut dir nichts“ oder „also bisher hat er nur gebellt und PLÖTZLICH zugebissen” aufhängen, hätten wir am Ende kein Schlamassel. Das sind nur gängige Beispiele, die bunte Palette der kuriosen Hundegeschichten ist groß.

Der einfachste Weg ist selten der Richtige.

Der netteste Typ von Nebenan schlägt mal mit der Faust gegen die Wand und auch der Papst lebt nicht Sündenfrei. Und auch ein Hund hat mal die Schnauze voll, entwickelt Verhalten, was wir Menschen nicht gut finden. Aber irgendwann mal hat jeder Hundehalter sich dazu entschieden, die Verantwortung für ein Lebewesen zu übernehmen. Und bereits in diesem Moment sollte klar sein, dass der Regen kommen wird. Bei einigen wird es nur nieseln und bei anderen hageln, vielleicht so sehr, dass es weh tut.

Aber dein Hund ist dein Hund. Es wird vielleicht Tage geben, an denen man mehr weint als man Wasser trinken kann und Momente, in denen alles zu viel wird. Doch so abgedroschen es klingt – es wird auch immer wieder die Sonne scheinen. Manchmal sogar so sehr, das man sich verbrennt, aber danach ist man dafür gut gebräunt. Egal was dein Hund tut oder lässt, er bleibt dein Hund. Sein Leben hängt jetzt an dir.

Auch der größte, am dunkelsten knurrende Höllenhund hat bestimmt sehr weiches Fell und mag Frolics. Mach dir bewusst, dass man ein Leben nicht mal eben bei Ebay verkauft. Man setzt es auch nicht aus. Man trägt Verantwortung.

Auch wenn meine Worte mahnend klingen, vergeht kein Tag an dem ich nicht darüber nachdenke, wie man den Menschen und Hunden helfen kann. Wie man die hohe Abgaberate senken kann, wo man noch ansetzen kann und wie viele Jahre es dauern wird, bis es besser wird. Es muss geholfen werden, jenen Menschen, die Hilfe suchen. Jeder Hund der seine Familie nicht verliert, weil er Hilfe gesucht und gefunden hat, ist ein riesiger Erfolg. Jeder Mensch der einen Hund aufnimmt, der ein Marathonstreckenlangens Vorstrafenregister hat, vor dem ziehe ich meinen Hut und wünsche ihm vollste Unterstützung.

Alle Menschen die heute nicht aufgegeben haben: Ihr seid arschgeile* Typen!

Und weil mir Schreiben zwar Spaß macht, ich aber schon gerne noch den ein oder anderen Berg versetzen möchte, arbeite ich auf Hochtouren an einer Idee, die glaube ich ziemlich gut werden kann. Dazu später mehr. Ich bin davon überzeugt, dass es besser werden kann. Und wird. Schritt für Schritt.

Für die Querulanten, die Raufbolde und Ganoven, die schweren Jungs und Mädels – für die Andershunde 🖤

Arschgeil“ habe ich von meinem Ziehvater gelernt, der nicht mein Vater ist, aber das Kindergeld einstreichen wollte und mein Missratenheit gefördert und geprägt hat. 🖤

6 Replies to “Andershunde

  1. Wunderschön geschrieben und ich ziehe meinen Hut für die Ausdauer für die Arbeit, die du / ihr leistet. Ich kenne selbst die Momente, dass man denkt, man habe einen A…Lochhund und dabei reagiert er nur ganz normal.

  2. Das ist sehr Aussagekräftig Bei 5Hunden verschiedenster Art muß ich mich selbst im Auge behalten :Das sind meine Hunde Ich habe sie gewollt Und wenn es Scheiße regnet wisch ich sie weg Wenn ich daß eine will .nämlich Liebe Freude und Spaß .dann muß ich auch Krawall scheele Blicke und mal einen verpißten Teppich ertragen Ich bin nicht die Beliebteste in der Straße ….Aber bei meinen Hunden schon Und das zählt

  3. Manchmal ist es aber so, dass es im Sinne von Mensch und Hund besser ist, wenn sich die Wege trennen. Manchmal stimmt die Chemie einfach nicht und der Hund kann sich anderswo frei entfalten, die Erstbesitzer auch wieder aufatmen. Manchmal wird es bei Mehrhundehaltung , auch nach Jahren guter und weniger guten Zeiten, einfach
    lebensgefährliche für ein Rudelmitglied. Sollte der Halter auf Biegen und Brechen alle Hunde behalten, allen, wirklich allen, das Leben so unglaublich schwer machen.
    Ein Mensch sollte nicht der Sklave seiner Hunde werden, indem er sich dermaßen einschränken muss. Auch im Sinne des Hundes ist es manchmal besser sich zu trennen. Aber in Liebe und in Dankbarkeit für die schöne gemeinsame Zeit, die es zweifellos auch gegeben hat.

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