Heute ist wieder mal einer dieser Tage, an denen ich meinen Hund gegen eine Tafel Schokolade eintauschen könnte. Ein Tag, an dem man genau merkt, wo in der Erziehung nochmal genau die Diskrepanzen liegen. Wenn sie wieder zuschlägt und plötzlich vom Hund Besitz ergreift:

Die Jagdsau. 

Ich stelle mir die Jagdsau beim Hund in etwa so vor wie den inneren Schweinehund bei uns Menschen. Vielleicht sein entfernt verwandter Cousin. Jedenfalls beide sehr überzeugende Zeitgenossen, die man nur schwer loswird. Und wenn man einmal angefangen hat, auf sie zu hören, wird’s richtig hart es wieder sein zu lassen. Die kennen die ganze Palette an fiesen Tricks, diese Typen.

Dann geht man eine Woche lang unbefangen die gleiche Strecke und wiegt sich in Sicherheit. Und am nächsten Tag schlägt die Jagdsau plötzlich zu.

Hund weg.

Gerade wenn man ganz sicher ist, dass er wohlerzogen ist und kein Reh in der Nähe gehustet hat. Man ist sich sicher, dass er jetzt widerstehen kann. Doch es ist zu spät, man kann nichts machen als fluchen, pfeifen und warten.

Eigentlich bin ich gut darin, in solchen Momenten keine Panik zu bekommen. Ich ärgere mich über mich selbst, dass ich zu schlecht aufgepasst und die Zeichen nicht richtig oder schnell genug gedeutet habe. Aber ich bekomme keine Panik.

Jagdsau

Bis zum heutigen Tag

Heute hatte ich tatsächlich ein bisschen Angst. Ich wollte eine sehr schnelle Runde mit den Hunden gehen. Meine übliche Strecke und die Hunde nur schnell laufen lassen weil ich danach noch etwas vor hatte. Unaufmerksam und in falschem Schuhwerk läuft das Frauchen mit stetem Blick zur Uhrzeit über die Wiese. Die perfekte Chance für die Jagdsau.

Ich habe Zazou für etwa eine Zehntelsekunde etwas fixieren sehen, dann war er weg. Noch habe ich mir nicht viel dabei gedacht, außer „Scheiße!“ Aber er ist ja nicht mehr wie früher, als er aus seinem Tunnelblick nicht mehr herauskam. Er hat dazugelernt. Außerdem ist dieses Stück Wald so klein, dass es die Bezeichnung Wald nicht verdient hat. Wo soll er schon hin? Er kommt schon gleich. Hinterhergehen bringt nichts, meistens kommt er sowieso aus einer ganz anderen Richtung zurück.

Er kam nicht.

Fünf Minuten vergingen. Ich rief und pfiff und verfluchte mich selbst. Warten war die richtige Methode, das wusste ich. Ich wusste auch, dass sich in solchen Situationen jede Minute wie eine Stunde anfühlt. Interessantes Phänomen, das sollte ich mal nachschlagen.

Sieben Minuten. Ich lief ihm trotzdem nach. Dreißig Sekunden später stand ich vor einer undurchdringlichen Brombeerhecke auf der einen und einem Moor auf der andere Seite. Ich sah auf das Feuchtgebiet, auf meine Turnschuhe und wieder zurück. Wieso hatte ich ausgerechnet jetzt keine Gummistiefel an? Ich dachte kurz darüber nach, auf einen Baum zu klettern, aber keiner war groß genug um das Gebiet zu überblicken. Also ging ich wieder zurück zum Ausgangspunkt und positionierte mich so, dass ich alles gut sehen konnte. Kuma langweilte sich zu Tode und sah mich an, als wisse sie gar nicht, dass wir noch einen anderen Hund dabeigehabt hatten.

Zehn Minuten. Ich pfiff weiter in regelmäßigen Abständen. Er war noch nie länger als zehn Minuten weg gewesen. Langsam fing mein Körper an, eine Angst/Wut Mischung an Hormonen loszuschicken. Passanten blieben stehen und sahen zu mir rüber. Ich verfluchte mich selbst und alle anderen gleich mit. Warum guckten die so blöd, noch nie einen Hund verloren?

Elf Minuten, 30 Sekunden. Ich ging wieder ein Stück zwischen die Bäume und versuchte Kuma dazu zu bringen, die gleiche Spur zu verfolgen wie Zazou. Sie sah mich gelangweilt an. Ich kehrte wieder um und lehnte mich an den Zaun.

14 Minuten. Ich verfluchte den Hund.

15 Minuten. Ich stellte mir vor, dass der Hund überfahren auf der Straße lag und wusste nicht, wie ich gleichzeitig auf die andere Seite des Waldes kommen sollte ohne ihn möglicherweise hier zu verpassen, falls er doch nicht überfahren wurde. Ich schloss die Augen und versuchte, mich durch zwei zu teilen. Es klappte nicht. Also überlegte ich, ob ich jemanden anrufen konnte der mir Suchen hilft, aber mir fiel niemand ein, der schnell genug da gewesen wäre.

16 Minuten. Ich dachte darüber nach, mir einen neuen Hund anzuschaffen. Kuma stimmte zu.

18 Minuten. Ich hatte Panik.

22 Minuten. Etwas Weißes manifestierte sich vor mir. Zazou kam völlig entspannt aus dem Unterholz getrabt, direkt auf mich zu. Die Zunge hing ihm weit heraus, er war augenscheinlich erschöpft, aber er war nicht auf Adrenalin. Überhaupt nicht so, wie er sonst von einem Jagdausflug wiederkam. Hatte er das ganze Adrenalin schon abgebaut? Oder war er etwa gar nicht auf der Jagd gewesen. Was zur Hölle hatte er getrieben? Ich checkte ihn grob durch und fand nichts als einen schwarzen Fleck wie von Schmieröl an seinem rechten Hinterbein.

Wir werden nie erfahren, was er wirklich verbrochen hat. Ich kann mir auch vorstellen, dass er nicht jagen war sondern nur einen Döner gefunden hat, den er erstmal komplett fressen musste. Das dauert eben seine Zeit. Vielleicht hat er Drogen gekauft oder eine Affäre mit einem anderen Frauchen? Was dauert sonst noch zwanzig Minuten? Eine Kneipenschlägerei vielleicht. Aber warum hatte er Öl am Bein? Ist er bei den Hells Angels? Fragen über Fragen.

An was für aufregende Orte die Jagdsau einen Hund so bringen kann. Bestimmt auch gerne mal in Teufels Küche..

Da ich wohl keine Antwort bekommen würde, leinte ich ihn an und wir gingen nach Hause. Der Hund freut sich seines Lebens und Mutti ist hier durch die Hölle gegangen. Arschlochköter. 

4 Replies to “Tagebuch eines Frauchens – Die Jagdsau

  1. Ach du je! So herrlich erfrischend geschrieben! In genau so einer Situation befand ich mich auch schonmal, habe sehr mitgefiebert!😅
    Vor allem das glückliche zurücktraben mit der Zunge auf dem Boden werde ich glaube nie vergessen.
    Manchmal ist er einfach ein AK!
    Nach einem Stacheldrahtunfall ist er nun aber leider viel an der Leine.😓
    In solchen Momenten fühlt man sich einfach wie der schlechteste Hundeführer… Ich finde es so toll, dass du das ganze im Nachhinein mit Humor betrachtest… Was bleibt einem auch anderes übrig😂😂

    1. Vielen Dank 😀 Jaa, Humor ist da wohl die beste Medizin. Mir fällt das am Ort des Geschehens auch sehr schwer. Aber ich denke mir dann immer: Ich wollte diesen Hund ja haben und er hat in anderen Bereichen durchaus seine Momente 😀 Schleppleine ist bei uns jetzt auch wieder angesagt..

  2. Ich hab grad zufällig den Blog entdeckt, Sitz im Schlafanzug vorm Handy und nehme in Kauf, zu spät in die Arbeit zu kommen.
    Zazou sieht nicht nur aus wie der Stiefbruder meiner Pepper, er scheint ihr auch ähnlich im Verhalten und Haare verlieren zu sein.
    Die Jagdsau Story wird nur noch getoppt von der Story einer Gassibekanntschaft, die 7 Std auf Ihren Hund gewartet hat und sich im Wald ne Pizza liefern ließ.

    Und jetzt hol ich mal den Pansen aus dem Kühlschrank. Bin ich froh dass ich ne Fußbodenheizung hab

    1. HAHAH! Immer schön, gleichgesinnte zu finden! Ich glaube, wenn ich mir ne Pizza liefern lassen, ist der Hund schneller wieder da als ich gucken kann. Das muss ich mir merken 😀 Danke!

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